Wege der Genesung
Wege der Genesung - Vergewaltigungsopfer in der astrologischen Beratung, 16.11.2002
Viele Menschen machen im Laufe ihres Lebens eine Opfererfahrung. Das Horoskop kann Wege aufzeigen, wie man solch ein Trauma besser verarbeitet. Der erste Schritt ist die Weiderherstellung des Sicherheitsgefühls. Hierzu ein Beispiel eines Vergewaltigungsopfers aus meiner Beratungspraxis.
Zunächst einen Dank an Erika (Name geändert), die mit der Veröffentlichung "ihrer Geschichte" einverstanden war.
Als sie zu mir in die Beratung kam, berichtete sie folgendes:
Sie lebe zusammen mit ihrer Mutter allein in einem kleinen Reihenhaus. Zu ihrem Vater habe sie keinen Kontakt; die Eltern seien bereits seit langer Zeit geschieden. Erika habe, außer ein paar kürzeren Affären, bisher keine Partnerschaft gehabt. Sexualität sei für sie "unbekanntes Terrain" (so ihre Worte) und obgleich sie viel darüber nachdenke und sich eine "explosive Vereinigung" vorstellen könne und wünsche, habe sie dergleichen noch nicht erlebt. Mit ihrer Mutter streite sie sich permanent. Im Gespräch wird deutlich, dass sie viel Haß und Wut auf ihre Mutter hat, sich von ihr gegängelt und gemaßregelt fühlt. Diese greife immer wieder in ihr Leben ein und ließe ihr keinen Raum für sich selbst. Dass sie dennoch mit "dieser Tyrannin" zusammen lebe, habe mit ihrer finanziellen Situation zu tun. Ohne ordentlichen Berufsabschluß habe sie in der Vergangenheit in einem Supermarkt als Verkäuferin gearbeitet. Nun sei sie arbeitslos und die Aussichten, ohne regelmäßiges Erwerbseinkommen einen Zuschlag für eine Wohnung zu erhalten, sind extrem gering. Und trotz allem Haß: schließlich benötige ihre Mutter doch als alte Frau immer wieder ihre Unterstützung.
Die Vergewaltigung fand acht Tage vor Erikas 28ten Geburtstag statt. Der Täter ist ihr vertraut – es ist ein "Freund". Er gehört zu einer Clique aus der Nachbarschaft, mit der sie ab und an die Freizeit verbringt. Mit ihm verabredet sich Erika während der Weihnachtsfeiertage, die sie als besonders emotional belastend empfindet. Seine Annäherungen bei diesem Besuch sind ihr unangenehm und sie weist ihn zurück. Als der Mann schließlich brutal wird, sie überraschend zu Boden stürzt und beschimpft, versteht Erika zunächst gar nicht, was los ist. Im Nachhinein berichtet sie, dass dieser Moment ihr zwar schnell die Augen geöffnet habe, in welcher Gefahr sie sich befand; dennoch sei der Punkt, an dem die Stimmung umgekippt sei, da bereits überschritten gewesen. Dieser Moment sei schon vorher gewesen, was sie in der Situation jedoch nicht beizeiten bemerkt habe. Irgendwas sei zwar "komisch" gewesen, aber sie habe vorher nicht sagen können, was.
In der Tatsituation hat der Mann sie geschlagen und körperliche Gewalt angewendet, um sich an ihr zu vergehen. Aus Angst und einem Gefühl der Ohnmacht heraus hat Erika sich scheinbar nicht gewehrt. "Scheinbar" deshalb, weil sie keinen körperlichen Kampf mit ihm eingegangen ist. Sie hat sich vielmehr "totgestellt" und den Täter zwischendrin immer wieder gebeten, er möge von ihr ablassen. Nach der Vergewaltigung hat er sie als "zickig" bezeichnet und wollte wissen, ob sie "auch gekommen" sei. Offensichtlich ohne jedes Schuldgefühl verabschiedete er sich mit den Worten "war doch nett - bis bald mal". In Erikas Ohren klang dies wie eine Drohung. Trotzdem faßte sie den Mut, nach ein paar Tagen die Gewalttat bei der Polizei zu melden. Das dadurch in Gang gesetzte juristische Verfahren ist bis zum heutigen Tag, immerhin sieben Jahre danach, noch nicht endgültig abgeschlossen, was als staatliche Verharmlosung dieses Vergehens betrachtet werden kann.
Das erste, was man in solch einer Bedrohungssituation erlebt, ist der Verlust des Sicherheitsgefühls. Egal auf welch festen Säulen oder wackeligen Beinen dieses Sicherheitsgefühl vorher gestanden haben mag: durch einen kriminellen Übergriff wird es demontiert. Eine der langwierigsten psychischen Folgen einer Kriminalitätserfahrung ist demnach, dass das Sicherheitsgefühl sich nicht wieder in dem Maße aufrecht erhalten läßt, wie man es sich wünscht. So berichten zum Beispiel Opfer immer wieder, dass sie den Ort des Geschehens meiden, weil sie dort mit einem Mangel an Sicherheit konfrontiert werden. Bei wem einmal eingebrochen wurde, der weiß, dass der Verlust von Wertgegenständen schnell ersetzt werden kann - im Vergleich zu der Wiederherstellung des Gefühls, Zuhause geborgen und sicher zu sein. Schreckhaftigkeit und äußerlich scheinbar übertriebene Angst sind die Folgen.
Die Verarbeitung eines solchen Erlebnisses beginnt genau an diesem Punkt: an der Wiedererlangung des Sicherheitsgefühls. Erst, wenn der / die Geschädigte wieder "festen Boden" unter den Füßen verspürt, ist es möglich, sich das Geschehen quasi aus der Entfernung anzusehen und sich dem Ereignis zuzuwenden. Von Außen, Freunden, Verwandten und Behörden wird die Notwendigkeit dieses Schrittes häufig nicht erkannt, und gerade gut gemeinte, therapeutische Hilfestellungen drängen dem Opfer das Geschehen zu einem Zeitpunkt erneut auf, zu dem das Opfer noch gar nicht in der Lage ist, sich der Auseinandersetzung zu stellen. Das kann zu unterschiedlichen Zeiten der Fall sein. Manch einer erlangt ein basales Sicherheitsgefühl innerhalb weniger Stunden zurück, ein anderer benötigt dafür mehrere Jahre. Natürlich: je eher, desto besser. Aber erzwingen läßt sich nichts. Wohl aber unterstützen. An dieser Stelle kann eine kompetente und liebevolle Horoskopanalyse, ein fachliches und zugleich menschliches Beratungsgespräch wertvolle Anregungen geben.
Sicherheit, Stabilität und eine feste, irdische Verwurzelung zeigen vor allem die Erdelemente im Radix an – dabei besonders Saturn. Seine Stellung im Horoskop verrät nicht nur, in welchem Lebensbereich wir uns schwer tun, sondern paradoxerweise zugleich, wo wir Halt und Festigkeit finden. Auch Erika wurde durch die Vergewaltigung ihres Sicherheitsgefühls und ihrer Würde beraubt. Jemand anderes bemächtigte sich der Gewalt über sie. Sie wurde fremdbestimmt und gedemütigt. Saturn im Horoskop zeigt an, welchen Weg sie einschlagen kann, um wieder in die Eigenmacht zu kommen. Er gibt Hinweise, wie man wieder ein aufrechtes Rückgrat, Würde und Festigkeit erlangt. Dabei sind neben seiner Zeichenstellung die Häuserposition sowie alle relevanten Aspekte zu betrachten. Auch der Bereich, über den er als Herrscher regiert, gibt Aufschluß.
In Erikas Horoskop steht Saturn im ersten Haus in Widder. Mit dem astrologischen Prinzip Mars / Widder / Haus eins ist er insofern doppelt verbunden. Dazu kommt, dass der Aszendent in der Halbsumme von Sonne und Saturn steht, womit das Thema Durchsetzung der eigenen Interessen, Behauptung der eigenen Persönlichkeit nochmals unterstrichen wird. Welches Gefühl verbinden wir mit dieser Thematik? Wut! Gerade mit Saturn im Widder im ersten Haus besteht die Tendenz, eigene Wut mehr im Zaume zu halten, als es der Psyche gut tut. Als Sonnenherrscher (Sonne in Steinbock) hat Saturn jedoch in Erikas Horoskop eine besondere Präsenz, und die Aufforderung, mutig und wütend zu sein, steht deutlich im Raum. Erika selbst erlebte sich nach der Vergewaltigung als schwach, klein, gefühlsarm und zögerlich. Da Saturn den Weg zur inneren Sicherheit zeigt, suchten wir gemeinsam nach Möglichkeiten, kämpferisch und wütend zu sein. Der scheinbar simplen Einladung, während unseres Gespräches probeweise mal laut mit der Faust auf den Tisch zu hauen, wollte Erika nicht nachkommen. Es zeigte sich, dass diese Übung noch zu viel Unkontrolliertheit beinhaltete. Und das war es, was wir suchten: kontrollierte Wut. Kleine Übungen, die eine starke Struktur vorgaben, innerhalb derer Erika ihren Haß auf den Täter, auf sich selbst, auf die verlogenen Reaktionen von Nachbarn und Freunden Form und Ausdruck verleihen konnte. Die "Wut-Übung" wurde geradezu zum Ritual und bestand zunächst einmal darin, mit festem Stand (Erdung) die Fäuste zu ballen und die Zähne zu fletschen. Penibel führte Erika Buch darüber, wann und wie lange sie die Übung durchgeführt hatte. Gerade darauf kommt es bei Saturn an: der Eindruck, es handele sich um ein Spiel und es sei egal, ob und wie lange man es spiele, darf nicht entstehen. Saturn ist wie ein Geländer, an dem wir uns wieder hochhangeln können, wenn wir gefallen sind. Aber er verlangt Ernsthaftigkeit und Disziplin. Genau diese kontrollierte Wut half Erika schließlich, wieder mehr Sicherheit zu erlangen. Wenn sie das Gefühl hatte, der Boden würde ihr unter den Füßen weggezogen (was beispielsweise während einer Gerichtsverhandlung passieren konnte), dann stellte sie, wie in den Wut-Übungen, die Füße fest auf die Erde und ballte unter dem Tisch die Hände zu Fäusten.
Diese besondere marsische Energie ihres Saturns zeigt sich überdies im Saturn-Personar. Dieses, von Peter Orban und Ingrid Zinnel erarbeitete Zusatzhoroskop, kann für jeden Planeten errechnet werden. Auf den Moment des ersten Sonne-Transits des jeweiligen Planeten wird ein neues Horoskop erstellt: das Personar. In Erikas Saturn-Personar steht Mars dominant am Deszendenten im eigenen Zeichen. Darüber hinaus ist das Personar feuerbetont. Da Saturn der entscheidende Planet zur Wiedererlangung des Sicherheitsgefühls ist, empfehle ich, stets das Saturn-Personar als zusätzliche Informationsquelle hinzuzuziehen.
Nach diesem ersten Schritt, der Wiedererlangung des Sicherheitsgefühls, sind weitere Schritte der Genesung möglich. Ohne diesen ersten Schritt jedoch nicht. Ob nun eine therapeutische Begleitung sinnvoll ist oder nicht, kann nur im Einzelfall entschieden werden. Nicht immer nämlich benötigen Opfer eine Rundum-Hilfe. Wir Menschen verfügen zum Glück über viele innere Kräfte, die manchmal nur einen kleinen Anstoß benötigen, um erweckt zu werden. Auf diese Selbstheilungskräfte, seien sie nun auf körperliche oder psychische Verletzungen bezogen, konzentrieren wir uns in der astrologischen Beratung.
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