Vor 820 Jahren ging die Welt unter

Vor 820 Jahren ging die Welt unter, 24.06.2006


Für das Jahr 1186 prophezeiten angesehene Astrologen die Vernichtung der Erde. So hieß es:

"Folglich wird in diesem Jahr, wenn die Planeten auf Gottes Befehl hin in dem Luftzeichen Waage zusammenkommen, ein überwältigendes Wüten über und in der Erde stattfinden. Vor allem in den Regionen, in denen gewöhnlicher Weise Erdbeben stattfinden. Es wird die Gegenden zerstören, in denen öfter Erdbeben stattfinden. Ein heftiger und sehr starker Orkan entsteht in den westlichen Regionen. Er schwärzt die Luft und verdirbt sie mit giftigem Gestank. Dann ergreift Tod und Schwäche viele Leute und Wehklagen und Schreie werden den Himmel erfüllen, die Herzen erschreckend derer, die es hören. Ein Sturm wird Sand und Staub vom Erdboden emporwirbeln und wird ganze Städte unter sich begraben – vor allem aber diejenigen, die in der Ebene liegen. Mekka, Barsara, Baghdad und Babylon werden vollends zerstört werden. Kein Landstrich wird verschont bleiben. Ganz Ägypten und Äthiopien werden durch Sand und Staub zerstört und dadurch unbewohnbar werden. Der zerstrittene Westen wird sich ebenso erheben und einer wird Krieg beginnen entlang den Küsten. Und dabei wird solch ein Massaker entstehen, dass die Kraft des verschütteten Blutes den steigenden Wellen gleichen. Es wird für sicher angenommen, dass die Königreiche zusammenbrechen. Was immer auch andere sagen – das bedeutet es – wenn es Gottes Wille ist, so sei es."

Wie kam es zu solchen Voraussagen?
Der Gedankengang ist eigentlich ganz einfach. Der Bibel konnte man entnehmen, dass Gott die Welt, den Tierkreis und die Planeten erschaffen habe. Nun waren die Menschen überzeugt, er habe bei der Erschaffung des Universums die Planeten gleichmäßig im Tierkreis verteilt. Denn Gleichmäßigkeit galt als vollkommen und daher als göttlich. Nachdem Gott nun den ganzen Kosmos in Bewegung setzte, begannen also die Planeten an verschiedenen Positionen ihre Kreisläufe: Die Sonne im Zeichen Löwe, der Mond im Zeichen Krebs, Merkur in der Jungfrau, Venus in der Waage, Mars im Skorpion, Jupiter im Zeichen Schütze und Saturn im Steinbock; jeder von seinem Zeichen aus. Somit war der Anfang der Welt durch die unterschiedlichen Positionen der Planeten gekennzeichnet. Und daraus konnte man auch das Ende der Welt ableiten. Es schien sicher, dass die Apokalypse wohl durch das Gegenteil angekündigt würde: nämlich dann, wenn alle Planeten sich in einem Tierkreiszeichen gemeinsam befinden. Und genau dies hatte man für 23. September 1186 berechnet. Am Nachmittag und Abend jenes Tages befanden sich alle sieben bekannten Planeten Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn im Zeichen Waage. Der Weltuntergang schien somit unausweichlich.

Die Planeten am 23.09.1186

Waage nun gehört zu den Luftzeichen. Daher lag es nahe, dass die Welt durch Luftverwüstungen zerstört werden würde. Man sagte Orkane voraus, die mit ihrer enormen Kraft alles dem Erdboden gleich machen würden.

Nun gut: heute wissen wir, dass diese Voraussage sich nicht bewahrheitet hat. Doch schien alles logisch darauf hinzudeuten. Insofern verwundert es nicht, dass auch Gelehrte und Weise sich vor dem Jahre 1186 fürchteten und entsprechende Vorkehrungen trafen. Wer es sich leisten konnte, zog sich in dicke Gemäuer zurück. Vereinzelt wurden sogar unterirdische Höhlen ausgegraben, in denen man die Weltuntergangsorkane abwarten wollte. Die Ähnlichkeit mit modernen Atomschutzbunkern ist gar nicht so fern.

Überhaupt sollten wir die Überheblichkeit meiden, dass solcherlei Panikmache wohl der mittelalterlichen Vergangenheit angehöre. Ich erinnere in diesem Zusammenhang noch einmal an die Milleniumsängste. Was wurden zum Jahrtausendwechsel nicht alles für Weltuntergangszenarien an die Wand gemalt, angeblich, weil irgend jemand zwei Ziffern bei der Computerprogrammierung außer acht gelassen habe? Und was ist letztlich passier? Gar nichts. Für unsinnige Vorhersagen, die Abertausende Menschen in Furcht und Schrecken versetzen, braucht man also beileibe nicht auf die Astrologie des Mittelalters zurückgreifen.

Doch zurück ins Jahr 1186.
Im Rahmen der Panikmache tauchte dann nämlich noch ein weiterer Text auf, der sich mit dieser Planetenkonstellation beschäftigte. Der Autor gab sich als arabischer Astrologe aus und nannte sich selbst „Pharamella, Sohn des Abdullah von Cordoba“. Wer war dieser unbekannte Pharamella? Es ist bis heute ein Geheimnis geblieben. Klar hingegen sind seine Absichten. Denn er fordert seine Leser auf, besonnen zu bleiben. Eine Gefahr bestünde nicht. Als Argumente führte er an, dass eine solche Planetenballung in einem Zeichen immer wieder vorkämen. Auch in der Vergangenheit habe es dieses Phänomen schon gegeben und die Welt sei dennoch nicht untergegangen. Des weiteren sei die Konjunktion im Zeichen Waage im September 1186 gar nicht komplett. Venus und Mars, so Pharamella, würden sich dann gar nicht in der Waage befinden. Die ganze Aufregung geschehe also wegen Nichts. Nun: an dieser Stelle hat unser unbekannter Schreiber Unrecht. Wenn er tatsächlich astronomischen Sachverstand gehabt hätte, so hätte er wissen müssen, dass sich doch alle damals bekannten sieben Planten einschließlich Venus und Mars im Tierkreisabschnitt Waage tummeln würden. Seine Behauptung ist schlichtweg falsch.
Was sein ersteres Argument angeht, so kann man ihm jedoch nicht widersprechen. Zwar findet eine solche Planetenballung sehr selten statt, aber immerhin: ab und zu kommt das schon mal vor. Und richtig: untergegangen ist die Welt daran bis heute nicht.

Insgesamt entsteht bei diesem Text dennoch der Eindruck, dass hier ein astrologischer Laie am Werk war. Was war Pharamellas Motivation? Warum versuchte er, die Bevölkerung zu besänftigen? Gab es politische Motive? Ein vor Todesfurcht aufgebrachtes Volk hört womöglich auf, die Macht der Herrscher anzuerkennen. Oder würden Sie heute noch Ihre Steuererklärung abgeben, wenn Sie wüssten, dass morgen die Erde vernichtet wird? Sollte dieses Traktat also der Anarchie entgegenwirken?
Ein Rätsel, das bis heute nicht gelöst ist.

Eine weitere bekannte Weltuntergangsvorhersage gab es im Jahre 1525. Auch hier versammelten sich viele, jedoch nicht alle bekannten Planeten in einem Tierkreiszeichen – nämlich im Zeichen Fische. Und da das Fische-Zeichen dem Wasser-Element zugeordnet ist, ging man in diesem Fall von einer neuerlichen Sintflut aus:

"Im Monat Februar werden zwanzig Konjunktionen stattfinden, kleine, mittlere und große, von denen sechzehn in einem Wasserzeichen stehen werden, und das bedeutet für fast die ganze Welt einschließlich Klimata, Königreiche, Provinzen, Anwesen, Staatsbevollmächtigte, Tiere des Landes und des Meeres und für alle Erdbewohner unweigerliche Umbildung, Verwandlung und Veränderung, wie wir sie viele Jahrhunderte lang von Geschichtsschreibern und unseren Älteren kaum erfahren haben."

Solche Prognosen blieben nicht folgenlos. In Berlin begab sich sogar der ganze Hofstaat auf den nahegelegenen Kreuzberg, um von den ansteigenden Wassern verschont zu bleiben. Jedoch: von einem besonders regenreichen Februar weiß die Geschichte nichts zu berichten. Im Gegenteil – es herrschte strahlender Sonnenschein. Auch in Bologna blieb der Februar 1525 auffällig trocken. Die Gelehrtenzunft in Bologna, die zuvor immer wieder vor der anhaltenden Regenfällen gewarnt hatte, war höchst erstaunt. Nie gab es Gründe, die Richtigkeit der Prognose anzuzweifeln. Und jetzt die Enttäuschung: kein Regen!

Aber dann: In den Aufzeichnungen findet sich schließlich ein Hinweis, dass es am 19. März in Bologna sehr stark geregnet haben soll. Und in den folgenden Wochen kam es immer wieder zu ungewöhnlich langandauernden Regengüssen. Und es blieb nicht bei einzelnen Schauern. Es regnete unaufhörlich. Tatsächlich schien der Dauerregen nicht mehr aufhören zu wollen. War das der Beginn der Sintflut? Schließlich fanden sich die Bologner Bürger im Mai zu einem dreitägigen Dauergebet zusammen, um Gott zu bitten, sie von den Wassermassen zu verschonen. Da das nichts nutzte, setzte man Ende Mai und im Juni zusätzlich Glockengeläut ein. Alles umsonst: es regnete ohne Unterlass. Die Quellen berichten von Sturmböen, Gewitter und Hagelkörnern so groß wie Hühnereier. Die Vorhersage der Astrologen schien sich zu bewahrheiten – das Ende der Welt war gekommen.

Auch wenn die Sommermonate etwas weniger feucht gewesen waren, so kam es dicke noch einmal im Herbst. Im September traf man sich wieder zum Gebet gegen das Unwetter. Inzwischen war Vieh ertrunken und viele Menschen, die in der Nähe von Gewässern wohnten, hatten ihre Häuser räumen müssen. An Ernte war nicht zu denken: über die Ufer getretene Bäche, Flüsse und Seen hatten die Äcker zerstört. Erst im Dezember des gleichen Jahres beruhigte sich das Wetter wieder. Das Beten und Glockenläuten schien endlich zu wirken. Der Weltuntergang konnte gerade noch einmal abgewendet werden – jedenfalls in Bologna.

Und die Astrologen der Universitäten? Sie stritten darüber, warum ihre Prognose zeitlich unkorrekt war. Sie triumphierten nicht, weil sie den Regen vorausgesehen hatten und schämten sich nicht, weil sie mit ihren Weltuntergangsprophezeiung daneben gelegen hatten – ihre einzige Sorge galt der terminlichen Exaktheit ihrer Erkenntnisse.

In der Deutungstradition, nach der Planetenballungen in einem Zeichen der Erde den Todesstoß geben soll, finden wir zahlreiche Beispiele in der Geschichte. Da nutzt es nichts, dass die Menschen durch ihre eigene Erfahrung eines besseren belehrt worden sind: der Untergang fand bis heute nicht statt. Trotzdem werden auch in der modernen Astrologie immer wieder zu Schreckensszenarien an die Wand gemalt. Kriege, Zerstörungen, Überschwemmungen, wirtschaftliche Katastrophen, Attentate: Prognosen für Bedrohungen aller Art werden immer wieder gerne ausgesprochen und vor allem gerne in den Boulevardblättern und im angstmachenden Fernsehen verbreitet. Wahrliche Bedrohungen wurden hingegen als solche oft nicht erkannt. So nannte noch die Astrologin Elsbeth Ebertin Hitler einen "Erlöser", selbst nachdem er die Judenvernichtung bereits als sein Anliegen und Ziel unmissverständlich erklärt hatte.

Die Tradition, nach der ein Stellium in einem Tierkreisabschnitt das Ende der Welt einläuteten soll, wird auch in moderner Zeit gepflegt. Im Februar 1962 befanden sich mal wieder alle alten Planeten von Sonne bis Saturn in einem Zeichen, nämlich im Wassermann. Auch damals wurden Weltuntergangszenarien entwickelt. Auch damals bestätigten sie sich nicht.

Wenn an der Überlegung etwas dran wäre, dass ein Stellium in einem Tierkreisabschnitt das Ende aller Zeiten anzeigen würde, dann ginge die Welt ungefähr alle 57 Jahre unter. Wie der belgische Astronom Jean Meeus berechnete, kommt es nämlich etwa alle 57 Jahre zu einer Begegnung der fünf mit bloßem Auge sichtbaren Planeten innerhalb eines Bereichs von 25 Grad. Die engste Begegnung der letzten 5000 Jahre fand im Jahre 1953 vor Christi Geburt statt - damals versammelten sich Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn innerhalb von nur 4,3 Grad, und zwar im Zeichen Steinbock.

Übrigens: der nächste Weltuntergang steht uns schon bevor. Am 24. Oktober 2006 befinden sich Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars und Jupiter im Tierkreisabschnitt Skorpion. Ob sich wohl ein Erdspalt auftun wird und wir im Morast (Skorpion) versinken? Oder doch eher die Atomkatastrophe (ebenfalls Skoprion) der Welt das Ende bereiten wird?
Meine Prognose: weder noch! Wir werden uns am 25. Oktober in aller Frische wiedersehen!

Ich weiß nicht, warum der Weltuntergang eine solch große Faszination auf die Menschen ausübt. Lieber wäre mir, die Weltrettung würde gleichsam faszinieren. Statt uns in unserer Phantasie die Vernichtung auszumalen sollten wir lieber alles daran setzen, Mutter Erde, die Wesen auf diesem Planeten, Tiere, Pflanzen, Menschen bei ihrer Entwicklung und Entfaltung, bei ihrer Lebensfreude zu unterstützen.



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