Mond in Wassermann: Das Fort-Da-Prinzip

Mond in Wassermann: Das Fort-Da-Prinzip, 04.12.2007


In der modernen, psychologischen Astrologie werden Planeten im Horoskop häufig als innere Wesenskräfte beschrieben, während die Tierkreiszeichen, in denen sie stehen, die Art und Weise ihres Ausdrucks anzeigen. Dabei gilt es bisweilen, starke Widersprüche zu vereinen, wie das Beispiel Mond in Wassermann zeigt. Denn einerseits repräsentiert Mond in der Radix das Bedürfnis nach Nähe, andererseits gibt das Wassermann-Zeichen ihm eine distanzierte Qualität. Kurzum: ein Bedürfnis nach distanzierter Nähe?

Wie sich diese sehr widersprüchlichen Qualitäten äußern können, zeigt das von Sigmund Freud beschriebene "Fort-Da-Spiel":
1920 machte Freud eine interessante Beobachtung, als er seinem eineinhalbjährigen Enkel beim Spielen zusah. Dieser warf eine kleine Holzspule aus seinem verhängten Bett, schleuderte sie weit fort von sich und brachte dabei "mit dem Ausdruck von Interesse und Befriedigung ein lautes, langgezogenes o-o-o-o hervor, das nach übereinstimmenden Urteil der Mutter und des Beobachters keine Interjektion war, sondern »fort« bedeutete."1 Die Spule selbst war an einem Bindfaden befestigt. Nach dem Wegwerfen zog der kleine Junge die Spule an jenem Faden wieder heran. Sobald sie in sein Blickfeld kam, begrüßte er sie mit einem freudigen »Da«. "Das war also das komplette Spiel, Verschwinden und Wiederkommen"2, Fort – Da.

Freud deutete dieses Spiel als kulturelle Leistung – denn das Verlassenwerden von der Mutter, das dem Kind als traumatisch erscheinen muss, wird hier spielerisch in die eigene Hand genommen. Ein Objekt, in dem oben geschilderten Fall die Spule, stellt die Mutter dar, die erst verschwindet, und dann wiederkommt. Im Unterschied zum realen Leben, wo das Kind ohnmächtig bleibt, wenn es von seiner Mutter zurückgelassen wird (jedenfalls aus der Empfindungswelt des Kindes heraus), hat bei dem Spiel das Kind den Faden selbst in der Hand. Es entscheidet, wann die Mutter / die Spule verschwindet, und kann sie eigenhändig wieder zu sich heranziehen. Die Bedrohung des Alleingelassenwerdens wird somit auf ein Minimum reduziert und händelbar. Freud konstatiert somit, dass "die größere Lust unzweifelhaft dem zweiten Akt (also dem Zurückholen H.F.) anhing."3

Die Konzentration auf den zweiten Teil dieser szenischen Gestaltung der Trennungssituation vernachlässigt jedoch den ersten Teil. Auch dieser Teil des Spiels war bei Freuds Enkelkind von Interesse und Befriedigung begleitet. Man muss nicht in die Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurückgehen, um die Richtigkeit dieser Beobachtung zu überprüfen: jede Mutter und jeder Vater kennt die unzähligen Situationen, wo ihr Kleinkind mit zufriedenem Gesichtsausdruck diverse Dinge aus dem Kinderwagen in hohem Bogen fortschleudert und dabei kichert, gluckst und über das ganze Gesicht lacht. Nicht nur das "Da", sondern offensichtlich auch das "Fort" macht Spaß.

Das zeigt, wie die beiden Richtungen einander bedingen. "Da ohne Fort" oder "Fort ohne Da" sind nicht erwünscht. Der an einer Schnur befestigte Gegenstand ist nie ganz fort und auch nie ganz da. Er befindet sich in einem permanenten Zwischenzustand – eben mal mehr da, mal mehr fort. Das Kind entscheidet dabei selbst, in welcher Entfernung sich dieser Gegenstand im jeweiligen Moment befindet. Es erlangt damit ein Stück Unabhängigkeit.

Für unsere astrologische Zwickmühle Mond in Wassermann ein ideales Bild. Denn es ist nicht, oder nicht ausschließlich, die viel zitierte Angst vor Nähe, die für diese Planetenstellung charakteristisch ist. Denn Mond braucht ja Nähe, hat das Bedürfnis, sich einzulassen, fallenzulassen und gehalten, gestreichelt und versorgt zu werden. Egal, in welchem Tierkreiszeichen er steht. Menschen mit Mond in Wassermann fürchten also beileibe nicht die Nähe wie der Teufel das Weihwasser. Sie wünschen diesen Zustand allerdings nicht dauerhaft. Dem Da soll das Fort folgen. Weder aus Angst noch aus Böswilligkeit – sondern aus dem Bedürfnis, selbst Einfluß zu nehmen auf die Entfernung, die ein anderer Mensch zu ihnen einnehmen soll. Denn was hier am Beispiel der Beziehung zur Mutter illustriert wird, überträgt sich später auf andere Personen des sozialen Nahraumes: der Partnerin / dem Partner, aber auch Freund/innen oder Arbeitskolleg/innen.

Im kindlichen Spiel wird das sogar noch deutlicher – denn Fort – Da ist ja nicht zuende gespielt, sobald die Spule zurückgeholt wurde. Das Spiel setzt sich fort: Fort – Da – Fort – Da – Fort – Da und so weiter. Für einen, sagen wir mal, stierbetonten Menschen mag das befremdlich erscheinen – die Stier-Charakteristik spielt schließlich nicht "Fort – Da", sondern "Da – Da". Beide unterliegen somit einem Wiederholungszwang. Nur in einem Fall ist er auffälliger, als in dem anderen. Die permanente Wiederholung des Spiels hat auch Freud bemerkt und ihn zunächst vor ein Rätsel gestellt. Denn der Spannungsabbau, der aus dem Verlust von der Mutter (Spannung) und dem selbstbestimmten spielerischen Umgang damit (Abbau) herrührt, müsste doch nach eins, maximal zwei Spielen komplett erfolgt sein. Warum dann immer weiter Fort – Da – Fort – Da - Fort – Da ...?

Mond in Wassermann weiß: es geht nun einmal um die Veränderung. Nicht um einen dauerhaften Zustand in einem Extrem. Mit dem fixen Luftzeichen Wassermann ist man eben auf Abwechslung fixiert. Ein paradoxer Zustand. Tatsächlich gibt es im Tierkreis keine vergleichbar paradoxe Kombination aus Element (Feuer, Erde, Luft, Wasser) und Qualität (kardinal, fix, beweglich). Für alle anderen Kombinationen fallen uns reale Bilder ein: das kardinale Feuer = der Funke, der ein Feuer entstehen lässt. Die veränderliche Erde = der Sandhügel, der unter unseren Füßen langsam nachgibt. Das fixe Wasser = der stillstehende, nicht fließende Tümpel. Aber die fixe, also feste Luft? Man muss schon über ein Stück wassermännische Genialität verfügen, um davon eine überzeugende Vorstellung zu entwickeln.

Der Psychoanalytiker Jacques Lacan hat das Fort-Da-Prinzip erneut analysiert. In seiner, bisweilen philosophischen Betrachtungsweise nimmt das kindliche Spiel als Symbol ungeahnte Ausmaße an: "Aus der Modulation des Begriffspaars von Anwesenheit und Abwesenheit ... entsteht das Universum des Sinns einer Sprache, in dem sich das Universum der Dinge einrichtet."4 Was heißt das? Lacan bemerkt, dass die aus dem Blickfeld verschwundene Spule zwar weg, aber eben doch nicht weg ist. Das Kind sieht sie nicht mehr, weiß aber von ihrer Existenz. Wüsste es nicht von der Existenz, gäbe es keinen Grund, an dem Faden zu ziehen. Das bedeutet: das Kind macht sich eine Vorstellung von diesem Gegenstand; im weiteren Verlauf: gibt ihm einen Namen. So leitet Lacan von dieser Beobachtung Freuds ab, dass die Sprache, die Vorstellung von der Welt, die Wirklichkeit erst erschafft.

Bezogen auf unsere astrologische Fragestellung, was durch Mond in Wassermann symbolisiert wird, kann man erkennen, dass die Vorstellung von Beziehung dem Horoskopeigner bereits real ist. Die Frage von Nähe und Distanz ist keine, die ausschließlich sinnlich erfaßt werden muss (wie etwa bei dem schon benannten Stier-Mond-Menschen), sondern die Idee von Nähe und die Idee von Distanz sind Grundlage für das Wirklichkeitsempfinden. In diesem Sinne kann ein Mond-in-Wassermann-Mensch durchaus in einer Kloster- oder Gefängniszelle eingesperrt sein, und sich trotzdem als freier Mensch fühlen. Oder anders herum: der Single mit dieser Planetenkonstellation erzählt, dass er so viele Beziehungen gleichzeitig führe, so dass man ihn eigentlich als polygam oder "multi-verpartnert" bezeichnen müsste – aber eben nicht als alleine lebend.

Sie werden durchaus eine Menge Menschen mit Mond in Wassermann finden, die treu in einer monogamen Beziehung leben; jedoch kaum jemanden unter ihnen, der auch einen Treueschwur unterschreibt. Die Idee, frei zu sein, ist entscheidend. So mag der Horoskopeigner beispielsweise immer wieder die Vorzüge der modernen, offenen Zweierbeziehung betonen und Toleranz dafür von seiner besseren Hälfte einfordern. Affären wird er jedoch nur dann suchen, wenn die Partnerin / der Partner gegen seine Ideen argumentiert und ihm ein Treueversprechen abringen will. Je mehr Sie also Ihrem Mond-in-Wassermann-Lebensgefährten signalisieren: "jaja, geh du nur, ich halte dich nicht", desto weniger wird er nach Abwechslung Ausschau halten. Aber Vorsicht: durchschaut er dies als Trick, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er sich für immer auf und davon macht.

Darüber hinaus weiß der Horoskopeigner mit Mond in Wassermann auch in der Entfernung um die Nähe. Er hat sozusagen einen Faden an dem Geliebten befestigt – und sollte sich dieser außerhalb des Sichtfeldes befinden, so hat er dennoch die Gewissheit, mit ihm in Verbindung zu stehen. Eine Verbindung, und da schließt sich der Kreis, die ihm selbst die Möglichkeit lässt, den Grad der Nähe eigenständig festzulegen. So ist der Mond-in-Wassermann-Mensch zwar mal ein bisschen mehr fort, dann wieder ein bisschen mehr da, aber immer über einen (unsichtbaren) Faden mit seiner Mutter, seiner Partnerin, seinem Partner in Kontakt. Ja wenn man will: geradezu an die anderen gebunden. Gebunden und doch frei – das ist es, was oben als "distanzierte Nähe" bezeichnet wurde.

Kurzum: Mond in Wassermann proklamiert das Recht, Nähe zu genießen und das Recht, in Ruhe gelassen zu werden – ob er diese Rechte auch in Anspruch nimmt, steht auf einem anderen Blatt. Er erfreut sich beständig an zwei Varianten menschlicher Beziehungen: der Absonderung und der Annäherung: Fort - Da. Und er denkt über Liebe und Partnerschaft lange nach, bevor sie ihn, schwuppdiwupp, dann plötzlich selbst erwischt.



1) Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips. In: Studienausgabe. Hrsg.: Alexander Mitscherlich u.a., Frankfurt / Main, 1969 – 1975, Bd. 3, S. 213 – 272, 225
2) ebenda
3) ebenda
4) Jacques Lacan: Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse. In: Ders.: Schriften. Hrsg.: Norbert Haas und Hans-Joachim Metzger. Weinheim / Berlin, 1996, Bd. 1, S. 71 – 170, 116f



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