Meine Wallfahrt nach Trier

Meine Wallfahrt nach Trier, 19.05.2007


Vor ein paar Stunden bin ich von einer christlichen Wallfahrt zurück gekommen. Von Köln aus bin ich mit Mitgliedern der Kölner St. Aposteln Gemeinde  von Köln bis Trier gelaufen, wo die Gebeine des Heiligen Matthias liegen. Ein Astrologe, ein nicht-christlicher zudem, auf katholischer Pilgerreise - passt das denn?

Wer sich mit Astrologie beschäftigt weiß, dass er in katholischen und freikirchlichen Kreisen nicht gut angesehen ist. Man hält unsere Arbeit für häretisch, gotteslästerlich oder zumindest kirchlich unerlaubt. Prompt frug eine der Mitpilgernden, wie ich denn meine berufliche Tätigkeit mit meinem christlichen Glauben vereinbaren könne. Meine Antwort war einfach: ich muss das nicht miteinander vereinbaren, da ich ja kein Christ bin.

Was bin ich denn?
Zu aller erst einmal bin ich Mensch. Und als Mensch wurde ich in der Pilgergruppe aufgenommen. Ohne Vorbehalte, ohne Zweifel. Mit offenen Armen war ich willkommen. Ein schönes Gefühl. Davon möchte ich mir eine Scheibe abschneiden.
Was meinen Glauben angeht, so kann ich mich schwerlich einer Religionsgemeinschaft anschließen. Meinen Glauben zu definieren ist vielleicht eine Lebensaufgabe; für die Gretchenfrage habe ich sicherlich keine Schubladenantwort parat. Am passendsten erscheint mir, mich als "pantheistischer Buddhist mit existenzialistischer Färbung" zu beschreiben. Kurzum: etwas, das es nicht geben kann... Also als ein Mensch der davon ausgeht, dass Gott in allem ist, was lebt und dass der Mensch, jeder Mensch, als eine Ausformung davon seine eigene Welt (mit)gestaltet. "Gott" ist dabei zu verstehen als intrinsischen Zustand, der frei ist von Gier, Hass und Verblendung. Als "pantheistischer Buddhist mit existenzialistischer Färbung" habe ich keinerlei Schwierigkeiten, beruflich Astrologe zu sein. "Die Sterne zwingen nicht", hat bereits Augustinus festgestellt und weiter ausgeführt: "sie machen geneigt". Geneigt machen sie, weil sie als Zeichen gedeutet werden und die Deutungshoheit liegt beim Einzelnen. Ich kann sie nutzen, wie andere Objekte auch, um zu Erkenntnis zu kommen, um mich frei zu machen von Gier, Hass und Verblendung. Und ich kann in ihnen das Göttliche sehen, mich davon inspirieren und anstecken lassen - wie von einem Vogel, einer Blume, einem Meeresrauschen auch.

"Groß und wunderbar sind all deine Werke, o Herr, Gott, allmächtger Schöpfer" haben wir mehrfach während der Pilgerreise gesungen und es fiel mir nicht schwer, in den Chor mit einzustimmen: ja, groß und wunderbar sind sie, die Werke dieses Schöpfers, wie immer er auch heißen mag und woher auch immer er seine Schöpfungskraft nehmen mag. Die Planeten, der gestirnte Himmel über mir, ist ein Teil davon und jedes mal, wenn ich mir die Zeit nehme, den Nachthimmel auf mich wirken zu lassen erfahre ich diese Größe und das Wunderbare daran. Wenn es einen Gott im christlichen Sinn gibt, wäre es nicht frevelhaft, dieser Größe und diesem Wunderbaren keine Beachtung zu schenken? Sollen doch gemäß der Genesis "die Lichter am Himmel Zeichen sein". Zeichen, die uns helfen, "wie im Himmel so auf Erden" die Zusammenhänge besser zu verstehen, in denen wir uns bewegen. So handelten auch die drei Weisen aus dem Morgenland, die einen Stern am Himmel nicht nur kartographierten, sondern ihn als Zeichen deuteten, als Zeichen, dass der Heiland geboren sei. Streng genommen waren Caspar, Melchior und Balthasar Sterndeuter, also Astrologen.

Im Mittelalter war es Papst Sylvester II, der zuvor unter dem Namen Gerbert von Aurillac als Erzbischof von Reims und Ravenna tätig gewesen war, der eine für Christen wichtige Unterscheidung voran trieb: er, der selbst Astrologie in Sevilla gelernt hatte, unterscheid zwischen einer "natürlichen" und einer "chaldäischen" Astrologie. Während Prophezeiungen (die "chaldäische Astrologie") abzulehnen waren, weil der freie Wille Gottes unvorhersagbar ist, galt die "natürliche Astrologie", also die auf die Natur bezogene, als anerkannt und pflegenswert. Die Natur wurde (und wird) hierbei als unbeseelt verstanden, als leibhaft, als mechanistisch. Die "natürliche Astrologie" konzentrierte sich auf die von Elementen und Trieben beherrschten Zustände, auf Landschaften, Tiere, Wetter, Pflanzen und auch den einfachen, sündigen Körper des Menschen. Nicht hingegen auf den Willen, den Glauben, die Entscheidungsfähigkeit und die Lebensgestaltung oder gar auf zukünftige Entwicklungen derselben.

Meine Teilnahme an der Wallfahrt hat mir noch einmal deutlich gemacht: ja, Astrologie und Christentum schließen nicht aus, sie schließen oftmals sogar einander ein. Man muss kein Christ sein, um Astrologie zu betreiben und man kann Christ bleiben, wenn man es astrologisch arbeitet, sich ein Horoskop erstellen lässt, eine astrologische Beratung in Anspruch nimmt. "Lobt den Herrn vom Himmel her" (Psalm 148). Und es wurde mir deutlich: ich kann "pantheistischer Buddhist mit existenzialistischer Färbung" (oder was auch immer) sein, bleiben oder werden und bin dennoch von Anhängern eines anderen Glaubens aufgenommen und willkommen. Vor der Wallfahrt hielt mich der Pfarrer an, über Menschen die beten nicht zu lachen. Keine Sorge Herr Pfarrer: mein Respekt vor Menschen, die glauben und vor Menschen, die nach dem Glauben suchen ist viel zu groß, um deren Handlungen ins Lächerliche zu ziehen. Astrologie ist auch eine Suche. Mich würde freuen, wenn die Offenheit, die ich in den vergangenen Tagen beim gemeinsamen Pilgern erleben durfte, sich (nicht nur) in meinem Wirkkreis ausbreitet. Wir müssen nicht das Gemeinsame suchen, wenn es nicht vorhanden ist. Viele Überscheidungen wird es trotzdem geben. Die größten Überschneidungen erlangen wir mit Würde und Respekt. Fordern wir ihn nicht nur ein, sondern geben wir ihn auch. Bei aller Unterschiedlichkeit - denn nach wie vor bin ich kein Katholik, nicht einmal Christ.

"Bei Tag wird dir die Sonne nicht schaden, noch der Mond in der Nacht" (Psalm 121). Ja, davon bin ich überzeugt. Vor allem, wenn wir die Worte symbolhaft verstehen. Sonne und Mond: sie leuchten über allen Wesen. Wie schön!



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