Interview zu Astro-Hotlines - Teil 2
MJ: Sie wurden sicher auch mit existenzieller menschlicher Not und sozialem Elend konfrontiert. Inwieweit konnten Sie den betreffenden Menschen tatsächlich helfen? Empfanden Sie manchmal Scham, damit Geld zu verdienen?
HF: Das ist richtig. Mehr als in der persönlichen Live-Beratung wurde ich bei den Hotlines mit existenzieller menschlicher Not und sozialem Elend konfrontiert. Die Frage, inwieweit ich "tatsächlich helfen" konnte ist nicht beantwortbar. Die Antwort auf diese Frage können nur die Klienten geben. Sie entscheiden, ob eine Konsultation hilfreich für sie war oder nicht.
Natürlich liegt es nicht in meiner Macht, eine Arbeitsstelle für einen Anrufer zu schaffen oder einen inhaftierten Partner aus dem Gefängnis zu befreien. Wer solcherlei erwartete, dem werde ich nicht habe helfen können. Trotzdem kann es, je nach Einzelfall, sinnvoll sein, sich einer astrologischen Beratung zu widmen – nämlich dann, wenn es z.B. um das Selbstwertgefühl als Arbeitsloser / Erfolgloser / gesellschaftlicher Verlierer geht. Oder um die Frage, wie gehe ich mit meinen Beziehungsbedürfnissen um, wenn mein Partner nun für mehrere Jahre unerreichbar ist.
Was Sie hier ansprechen ist eine grundsätzliche Frage von Beratung und Therapie. Tatsächlich bin ich davon überzeugt, dass es einen gewissen Prozentsatz an Beratungs- und Therapieklienten gibt, die weder Beratung noch Therapie benötigen, sondern schlicht und ergreifend Geld oder gesellschaftliche Teilhabe. Nicht die Psyche ist das Problem, sondern die Armut. Der Diskurs, ob Therapeuten gesellschaftliche, krankmachende Bedingungen stabilisieren oder zu einer Umwälzung der Verhältnisse führen, ist mindestens 30 Jahre alt – und meines Wissens nach nicht zu Ende gedacht / diskutiert.
Astrologen und Astrologinnen halten sich aus diesen Diskursen leider auffällig heraus. Gesellschaftliches Engagement, politische Teilhabe, soziologische Betrachtungen finde ich in der gesellschaftlichen Nische Astrologie leider noch seltener als in der Psycho-Szene. Bedauerlich.
Scham? Nein, ich habe keine Scham empfunden. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich jemanden betrüge o.ä. Vielleicht hat die Hotline-Beratung den Klienten 8 oder 15 Euro gekostet. Vielleicht auch 25 oder 55. Im Unterschied zu einer Live-Beratung, die bei 100 Euro erst beginnt, durchaus ein "Schnäppchen". Wurde mir im Gespräch deutlich, dass mein Gesprächspartner nicht über ausreichend finanzielle Mittel verfügt, habe ich stets preisgünstigere und kostenlose Alternativen angeboten. Bei der einen Hotline wurde das übrigens gebilligt und sogar unterstützt, da Qualität und Seriösität auch von der Führungsebene wertgeschätzt wurde. Bei der anderen Hotline tat ich es gegen die Hausregeln. Doch manchmal erscheint es mir erforderlich, regelwidrig zu handeln. Was sollte mir schon passieren außer einem Rausschmiss?
;-)
Dafür habe ich stärker etwas anderes entwickelt: Mitgefühl und Wut. Mitzukriegen, dass inmitten unserer reichen Bundesrepublik Deutschland es entsetzliche Verelendungen gibt, hat einerseits Mitgefühl für die bisweilen als ausweglos empfundene Situation evoziert. Andererseits auch Wut auf bestimmte gesellschaftliche Zusammenhänge, politische Entscheidungen, Medien, die Diskurse in bestimmte Richtungen drängen etc. Diese Wut wiederum wandelte sich in gesellschaftlich-soziales Engagement. Die Arbeit in den Hotlines hat mir noch mal deutlich gezeigt, wie wichtig die Aufrechterhaltung mitmenschlicher Werte ist und wie wichtig es ist, diese tagtäglich selbst auch zu pflegen und nicht nur verbal von anderen einzufordern. Sie hat mir auch gezeigt, dass wir die Gestaltung der Gesellschaft nicht einigen Wenigen überlassen sollten. Doch das führt jetzt wohl weg vom eigentlichen Thema dieser Interviews... ;-)
MJ: Sahen Sie sich auch als Seelsorger?
HF: Ja. Mehr als persönliche Live-Beratungen haben astrologische Beratungen über eine Hotline auch seelsorgerische Anteile. Manche Gespräche konnte ich sozusagen ganz ohne Horoskop führen, da es sich z.B. um reine Entlastungsgespräche handelte. Bei solchen Gesprächen mittels der Radix analytisch aufdeckend zu arbeiten, wäre fahrlässig gewesen. Da ich keine Statistik geführt habe, kann ich den Anteil solcher Gespräche nur grob schätzen; komme dabei auf ca. 10 %.
MJ: Die meisten Hotlines bieten Klienten die Möglichkeit, die Berater zu bewerten. Wie gingen Sie mit diesen Klientenurteilen um? Setzte Sie das innerlich unter Druck? Wurde Ihr Ehrgeiz dadurch angespornt? Fühlten Sie sich insgesamt gerecht bewertet? Was taten Sie, wenn Sie sich falsch bewertet fühlten?
HF: Grundsätzlich fand und finde ich Bewertungen gut. Denn machen wir uns nichts vor: wir werden mit unserer Arbeit ständig bewertet. Nicht immer kriegen wir das mit. Daher bin ich über jedes Feedback froh, was ich erhalte. "Gute Bewertungen" sind für die meisten Astrolog/innen überlebenswichtig – denn Empfehlungen und Mundpropaganda (also die Wege, über die vermutlich die meisten Klienten an Astrologen geraten) sind nichts anderes. Ich habe mich daher über Bewertungen immer gefreut; auch dann, wenn mal eine weniger erfreuliche darunter war. Negative Bewertungen sah ich eher als Hilfe, die Anliegen der Anrufer, versteckte Wünsche etc. zukünftig besser zu verstehen. Nachteilig an den üblichen Bewertungsmethoden ist es, wenn sie kommentarlos abgegeben werden. Denn nur die Vergabe von 1 bis 5 Sternchen ist mir persönlich zu wenig aussagekräftig. Mich interessiert mehr, warum hat jemand eine bestimmte Sternchenzahl vergeben. Ein positives Feedback wie "der Astrologe hat mich total wieder erkannt" kommt bei mir nämlich beispielsweise gar nicht positiv an. Sollte dies das Ergebnis einer astrologischen Beratung sein, wäre die Beratung aus meiner Definition misslungen. Was hat der Klient davon, wenn er weiß, dass der Astrologe sein Handwerk versteht? Lieber wäre mir, der Klient erfährt auch was Neues über sich – und nicht nur das, was er ohnehin schon von sich weiß.
Die Bewertungssysteme haben mich nie unter Druck gesetzt.
Mein Ehrgeiz wurde dadurch auch nie angespornt. Mein Ehrgeiz, professionelle und erstklassige Beratungen zu geben, ist ohnehin sehr hoch – da braucht es keinen zusätzlichen Ansporn ;-) Ich habe nie etwas gemacht, um eine gute Bewertung zu erhalten. Ganz am Anfang hatte ich die Anrufer am Ende des Gesprächs explizit gebeten, eine Bewertung abzugeben ("Wenn Sie mögen würde ich mich freuen, wenn Sie eine Bewertung hinterlassen..."). Doch nach einiger Zeit empfand ich selbst auf einmal diesen Wunsch nicht adäquat. Dem Gespräch, das von seiner Konzentrationsrichtung klientenbezogen war, am Ende eine beraterbezogene Richtung zu geben erschien mir für den Beratungsprozess insgesamt nicht förderlich. Ich habe diese Bitte dann nicht mehr geäußert.
Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals den Eindruck gehabt zu haben, ich sei falsch bewertet geworden. Die Bewertung erfolgte schließlich aus der Sicht der Kunden – ich müsste über eine gehörige Portion Chuzpe verfügen, wenn ich sagen wollte, was die "richtige" Kundensicht sein müsste ;-)
MJ: Eine weit verbreitete Meinung lautet, dass Astro-Hotlines dem Ansehen der seriösen Astrologie abträglich sind. Wie ist ihre Einschätzung dazu?
HF: Ich weiß nicht, ob diese Meinung "weit verbreitet" ist – wohl glaube ich zu wissen, dass es Ihre Meinung ist ;-)
Ich teile diese Sicht nicht ganz.
Unseriöse Beratungen sind der seriösen Astrologie abträglich!
Doch Astro-Hotlines müssen nicht per se unseriös sein. Auf den meisten Lines tummeln sich unseriöse "Astrologen" - dies spreche ich in Anführungsstrichen, weil nicht jeder der sich Astrologe nennt auch einer ist. Das ist bedauerlich – hat aber mit dem Medium Hotline erst einmal nichts zu tun. Es ist einer bestimmten Personengruppe unseriöser Anbieter gelungen, sich einem Geschäftsfeld zu widmen und dieses zu besetzen, dass die seriösen Anbieter viel zu lange gemieden haben. Nämlich das der niederschwelligen astrologischen Beratung.
Beratungsdienste wie auch astrologische Praxen oder auch Therapeuten bedienen, wie bekannt, vornehmlich intellektuelle Vertreter beziehungsweise Vertreterinnen der Mittel- und Oberschicht. In anderen sozialen Arbeitsfeldern hat man daher schon lange nach anderen Formen gesucht, den Kontakt zu Beratungsbedürftigen niedrigschwellig herzustellen z.B. durch aufsuchende Beratungsarbeit. Nun haben wir mit unserer Profession und unserem gesellschaftlichen Auftrag den Vorteil, dass wir nicht "auf Kundenfang" gehen müssen. Doch viel zu sehr lehnen wir uns zurück und formulieren nicht selten einen hohen Anspruch an Klienten.
Über die Hotlines habe ich in erster Linie mit Menschen gesprochen, die nie einen Termin bei einem niedergelassenen Astrologen vereinbaren und dort hingehen würden. Menschen, die sich beispielsweise schämen würden, wenn sie in eine "Beratungsstelle", zu einem Psychologen, eine freie Beratungseinrichtung, einen Astrologen etc. gehen würden – die sich aber ein anonymes Telefonat durchaus zutrauen. Ich habe Gespräch geführt mit Menschen, die stets die Sicherheit brauchten, ein Gespräch ohne Angabe von Gründen von jetzt auf gleich beenden zu können; einfach, indem sie den Hörer auflegen. Auf diese Weise den Faden in der Hand zu behalten stellte für manche Anrufer eine entscheidende Entlastung dar, sich überhaupt auf bestimmte Themen einlassen zu können. Schneller als beim persönlichen Gegenübersitzen haben Menschen eigenes Versagen thematisiert. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Beratung, bei der es zunächst um die Frage nach dem Verhältnis zur eigenen Tochter im Grundschulalter ging, und bereits nach kurzer Zeit die anrufende Mutter mir gegenüber offenbarte, dass sie ihre Tochter misshandele und darunter leide. Sich die gleiche Szene in einer astrologischen Praxis vorzustellen ist möglich, aber deutlich schwieriger. Gerade die Anonymität ist ein großes Plus dieser Beratungsform.
Ich habe während meiner Hotline-Zeiten ca. 3.000 Telefonberatungen durchgeführt. Die allermeisten davon mit Menschen, die nie in meine Praxis kommen würden. In meiner Praxis habe ich es mit Lehrerinnen, Therapeuten, Journalisten, Ärztinnen, Unternehmern, Studentinnen, Ingenieuren, Übersetzern, Akademikerinnen etc. zu tun. Bei den Hotlines hatte ich es mit Lackieren, Schulabbrechern, Müllmännern, Friseusen, Hausfrauen, Fließbandarbeitern, Boten, Kleinkriminellen, Busfahrern etc. zu tun. Aus einem mir nicht nachvollziehbaren Grund wurde ich als "Geheimtipp" bei Prostituierten gehandelt und entsprechend zahlreich waren Anrufe von Huren, in deren Arbeitsalltag ich dadurch ziemlich guten Einblick erhalten habe ;-) Mein Respekt vor Menschen, die es nicht gewohnt sind, auf der Metaebene zu kommunizieren, die den Unterschied von Ich- und Du-Botschaften nicht kennen und so weiter, mein Respekt vor Menschen, die ihr Päckchen zu tragen haben und von "Klügeren" oder auch Amtsautoritätsträgern benachteiligt und geschubst werden, ist während meiner Hotline-Zeiten enorm gestiegen. Mein sprachliches Repertoire auch; denn ich war ja gefordert, mich sprachlich anzudocken, damit eine gute Zusammenarbeit überhaupt möglich wurde.
Nebenbei habe ich zudem gelernt, schnell zu deuten. Man kann ja am Telefon kaum sagen, man bräuchte jetzt erst mal eine Viertelstunde, um sich in die Radix einzufühlen. Auch dieses Talent kommt mir in anderen Beratungszusammenhängen zugute.
Das alles bedeutet nicht, dass ich nicht auch Kritik an Astro-Hotlines hätte. Die größte Kritik ist, dass die Auswahl der Berater/innen in der Regel beliebig erfolgt – selbst dann, wenn es anderes publiziert wird. Zwar heißt es bisweilen, es lägen "strenge Auswahlkriterien" vor und die Astrologen seien "geprüft" etc. – doch nach meinen Erfahrungen ist dies weitgehend Lug und Trug. Das "strenge Auswahlkriterium" entpappt sich beim näheren Hinschauen als die Aufforderung, einen Gewerbeschein vorzulegen. Eine der beiden Hotlines, für die ich gearbeitet hatte, verlangte vor Beginn der Zusammenarbeit ein Probegespräch. Hier wurde eine typische Telefonanfrage simuliert. Das mag zwar ein Stressmoment für viele Bewerber gewesen sein, halte ich aber für die richtige Herangehensweise. Gegebenenfalls müsste man über weitere Qualitätssicherungen nachdenken.
Weiter darf man nicht vergessen, dass die Schnelligkeit des Mediums Hotline die Anwendung mancher astrologische Techniken verunmöglicht. Ich kann nur das nutzen, was der Computer mir ratzfatz auf den Bildschirm zaubert. Werden Halbsummenpunkte beispielsweise nur extra tabellarisch aufgeführt und nicht in die Radix-Zeichnung integriert, werde ich sie bei der Hotline-Beratung weglassen müssen. Das Risiko, bei kombinierten Techniken (ich kombinieren beispielsweise bei Fragen zur Zeitqualität bevorzugt primär dirigierte Achsen, sekundär dirigierte Planeten, Transite und Auslösungen nach der Münchner Rhythmenlehre) etwas zu übersehen ist größer als wenn ich Zeit habe, eine Beratung in Ruhe vorzubereiten.
Gruselig ist in aller Regel die Bewerbung der Hotlines, auf die der einzelne Berater keinen Einfluss hat. Kartenleger, Weihrauchleser, Traumdeuter, Astrologen und Wahrsager ohne Hilfsmittel werden in einen Topf geworfen, einmal gut durchgeführt und es werden mit Glitzersternchen die Antworten auf Fragen zu Liebe, Beruf und Gesundheit versprochen und der Anschein erweckt, man könne konkrete Ereignisprognosen abrufen. Leider ist auch die "seriöse Astrologieszene" vor diesem Virus nicht gefeit und selbst innerhalb des Deutschen Astrologenverbandes gibt es eine Gruppe von Menschen, die behaupten, konkrete Ereignisprognosen mittels bestimmter astrologischer Techniken voraussehen zu können; ob der Partner wieder kommt oder man einen Gerichtsprozess gewinnt etc.. Dieses Problem des "vielversprechenden Marketings" haben also nicht nur Hotlines.
Astrologinnen und Astrologen, die ein anderes Verständnis von Astrologie und astrologischer Beratung haben, wären meiner Ansicht nach gut beraten, selbst Hotlines ins Leben zu rufen um unseriösen und inkompetenten "Astrologen" (sie sind keine Astrologen...) ein seriöses und kompetentes Angebot auf niedrigschwelliger Ebene gegenüber zu stellen.
Wenn ich noch eine Anmerkung hinzufügen darf: Ich habe bei diesem Interview den Eindruck bekommen, als gingen Sie von einem sehr statischen Modell aus. Als sei das Anrufaufkommen etc. vergleichsweise stabil. Nur auf Grundlage solch einer Regelmäßigkeit lassen sich Fragen wie nach dem durchschnittlichen Monatseinkommen, der durchschnittlichen Gesprächszahl etc. sinnvoll beantworten. Hotlines sind jedoch aus meiner Erfahrung sehr variable, ja fast instabile Systeme, die, noch weniger als persönliche Beratungsnachfragen, kaum vorhersehbar / planbar sind. Man loggt sich nicht ein uns hat dann in einem bestimmten, wiederkehrenden Rhythmus Anrufe. Mal konnte ich gar nicht aufs Klo, weil sobald ich den Hörer auflege, es direkt wieder klingelte, ein anderes mal überprüfte ich nach fünfstündigem Schweigen mein Telefon, ob es überhaupt funktioniert.
Und: vielen Dank, dass Sie das Gespräch mit mir gesucht haben! :-)
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