Genetik: Eine moderne Astrologie?

Genetik: Eine moderne Astrologie?, 05.02.2008


Wird über Astrologie gesprochen, taucht ein Missverständnis immer wieder schnell auf: der Irrtum, Astrologen könnten eine exakte Vorhersage auf die Zukunft treffen. Kein Astrologe weiß, wer die nächsten Wahlen gewinnt oder wann das nächste Erdbeben Kalifornien erschüttert. Ob der Ex-Partner zurück kommt oder die Operation gelingen wird, hängt eben nicht allein von einer bestimmten Planetenkonstellation ab. Und wenn nun doch die Stellung der Himmelskörper alleine (!) dafür verantwortlich wären, dann könnten wir es nicht durchschauen - denn die Materie wäre zu komplex.

Astrologie eignet sich nicht für Ereignisprognose

Dazu ein Beispiel: Bei der Frage, ob der Ex-Partner zurück kommt, müsste man nicht nur das Horoskop dessen, der die Frage stellt berücksichtigen, sondern auch das Geburtsbild des Ex-Partners. Und sein Verhalten wird sich auch auf andere Personen, Freunde, Familienangehörige auswirken; beispielsweise weil er einer anderen Verehrerin einen Korb geben und sich seltener mit seinen Kumpels treffen wird etc. All das müsste sich in allen Horoskopen aller Beteiligten auswirken. Wir müssten also im Horoskop eines Kumpels des Ex-Partners ebenfalls sehen, ob der begehrte Mann nun zurückkehrt oder nicht. Denken wir diesen Gedanken weiter wird schnell klar, dass sich das wiederum auf das Leben des Kumpels auswirkt. Kommt der Freund nicht mehr so häufig zum Skatabend, werden diese Abende zukünftig anders verlaufen. Die Atmosphäre der Skat-Gruppe wird sich verändern. Also müssten bei allen, die daran beteiligt sind, eine Änderung im Horoskop erkennbar sein - auch beim Wirt, der ja eine Einnahmenseinbusse hat.
Kurzum: wir könnten an jedem Horoskop jedes Menschen alle Verhaltensweisen aller Menschen ablesen können.
Klar, dass das nicht funktioniert.

Wenn sich also keine konkreten Ereignisse und Verhaltensweisen aus einem individuellen Geburtshoroskop ablesen lassen, was dann?

Astrologie als Ordnungssystem

Mit Hilfe der Konsellationen beim Eintritt in das Leben lässt sich für den Einzelnen eine Ordnung beschreiben. Es ist sozusagen ein innerer Kompass, eine innere Schatzkarte. Eine Ordnung, die Orientierung bietet. Aus der Orientiertheit heraus lassen sich, wenn wir wieder über Prognosen sprechen wollen, bestenfalls Tendenzen und Wahrscheinlichkeiten benennen. Doch diese können wir keinesfalls auf Einzelfaktoren zurück führen. Nicht alle Löwe-Geborenen hatten in den letzten Jahren Ärger mit dem Chef; trotzdem wird es einige getroffen haben. Denn von 2005 bis 2007 ging Autoritätsplanet Saturn durch das Löwe-Zeichen. Eine Möglichkeit der Deutung ist, dass es hier zu Autoritätskonflikten kam. Aber es ist eben nur eine (!) Möglichkeit; es gibt unzählbar viele andere Varianten.

Astrologische Deutung ist Interpretation

Der Astrologe muss, um nun herauszufinden, welche der vielene Varianten wahrscheinlicher ist, ein Gespräch mit dem Klienten führen. Denn die Deutung "Ärger mit dem Chef" wird irrelevant, wenn der Klient arbeitslos oder selbständig tätig ist. Neben dem Sonnenzeichen Löwe müssen alle anderen Faktoren des Geburtsbildes berücksichtigt werden: In welchem Horoskophaus steht die Sonne? Über welches Haus herrscht der Löwe? Welche Aspekte erhält die Sonne? Aus welcher Position kommt Saturn? Welche Aspekte hat er? Und so weiter.

Wir haben es in der Astrologie also mit einer Vielzahl von Faktoren zu tun, die individuell ausgewertet werden müssen. Je besser die Auswertung, um so höher der Grad an Wahrscheinlichkeit, mit dem man bestimmte Themen und Tendenzen benennen kann. Eine 100%ig Gewissheit für konkrete Ereignisse wird es jedoch niemals geben.

Molekularbiologie

Was hat das nun alles mit der modernen Biologie zu tun?

Sieht man sich die Schlagzeilen vor allem aus den 90er Jahren über die "Erfolge in der Gen-Forschung" an, so gewinnt man den Eindruck, die Wissenschaftler konnten eindeutige Zuordnungen zu bestimmten Krankheiten, Charakterzügen und sogar Verhaltensweisen des Menschen ausfindig machen. Vom "Homo-Gen" war die Rede, das für gleichgeschlechtliches Verlangen verantwortlich sein sollte bis hin zum "Raucher-Gen", das zeigt, dass der entsprechende Mensch zum Glimmstengel greifen muss. Schöne und schreckliche Zukunftsvisionen lagen nahe beieinander. Kennt man das Gen für Alzheimer, kann man es einfach eleminieren und hat die Krankheit besiegt. Doch werden Menschen mit "schlechten Genen" nicht vielleicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt, ihnen Arbeitsplatz, Krankenkasse oder andere Leistungen verwehrt?

Die spektakulären Medien-Meldungen haben in den letzten Jahren etwas abgenommen. Fast ist ein wenig Ernüchterung eingetreten. Denn inzwischen hat man erkannt, dass es eben keine isolierten Faktoren für Krankheiten, Charaktermerkmale oder Verhaltensweisen gibt. Forscher John Beckwith der Harvard-Universität gibt ein Beispiel:
"Ein typischer Fall ist eine Studie aus den frühen 90er Jahren. Da haben Forscher bei einer Familie in den Niederlanden eine Gen-Veränderung gefunden. Den männlichen Familienmitgliedern fehlte deshalb ein ganz bestimmtes Enzym. Die Folge war: Diese Männer haben sich nicht sozial verhalten.
Das Gen wurde nur in dieser einen Familie gefunden. Also, das Gen erklärt keineswegs, warum es in einer Gesellschaft so etwas wie "Aggression" gibt. Aber trotzdem: Alle führenden Zeitungen titelten "Gen für Aggression entdeckt" oder "Das Gen für asoziales Verhalten gefunden". Ein US-Magazin zeigt sogar ein Foto mit einem Baby in Sträflingskleidung; die Unterschrift: "Born bad" - also "Von Geburt an böse". Und das ist nur ein Beispiel von vielen, die sich später alle als falsch herausgestellt haben. Aber eine Richtigstellung habe ich in der Presse noch nie gefunden
."

Sensationspresse

Diese tl_files/bilder_inhalte/pfeil.gif unsaubere Art der Medien mit dem Umgang mit Informationen kennen Astrologen zu genüge. Auch wenn es um Astrologie geht, bevorzugen Journalisten Schlagzeilen, die sich auf konkrete astrologische Vorhersagen stürzen. Immer wieder melden sich beispielsweise Redakteure bei mir um von mir eine exakte Prognose zu aktuellen Themen zu bekommen: Wer gewinnt die Wahl? Wer wird Fußball-Sieger? Wann erholt sich der DAX? Wie wird das Wetter am Rosenmontag? Eine Aufarbeitung der Tatsache, dass diese Fragen weder von der Astrologie noch von sonst einer Vorgehensweise treffsicher beantwortet werden können, erfolgt leider nicht. Dann verzichtet man lieber ganz auf einen Beitrag. Fragt die Journallie bei der Astrologie "Ist die Prognose richtig oder nicht?" fragt sie bei der Genetik "Ist es das richtige Gen oder nicht?"

Grenzen der Gen-Manie

Der Gen-Rausch der 80er und 90er Jahre brachte uns also das Alkoholismus-Gen, das Depressions-Gen, das Leichtsinns-Gen, das Aggressions-Gen, das Homosexualitäts-Gen, das Kriminalitäts-Gen, das Diabetes-Gen und viele viele andere mehr. Und doch gibt es bis heute kein einziges Ergebnis, wonach das entsprechend extrahierte Gen singulär für die entsprechenden Merkmale zuständig wäre. Lassen wir das den britischen Genetiker Professor Marcus Pembrey erläutern:
"So ein persönliches Genom, das ist eine riesige Datenmenge. Die muss interpretiert und dem Einzelnen verständlich gemacht werden. Was viele nicht wissen: im Genom steht nicht, ob jemand zwingend krank wird - sondern es geht um genetische Varianten. Die erhöhen statistisch gesehen das Risiko, eine bestimmte Krankheit, wie Alzheimer, zu bekommen. Das heißt, das Risiko steigt leicht. Selbst eine Verdopplung des Risikos sagt wenig aus. Damit ist nichts vorherbestimmt."

Kein Schicksalszwang

Das Schicksal steht also genau so wenig in den Genen wie in den Sternen. In beiden Fällen gab es aber begeisterte Anhänger, die dies vermuteten. Vergleicht man den Umgang mit dem Datenmaterial der Genome mit dem Umgang des Datenmaterials eines Horoskops, so kommt man zu erstaunlichen Übereinstimmungen:
  • In beiden Fällen ist es die Komplexität, die nur individuelle Aussagen zulässt.
  • Hier wie dort werden in Medien und Volksmeinung Vereinfachungen bevorzugt, nach denen ein singulärer Faktor (Gen / Sternzeichen) für eine bestimmte Verhaltensweise zuständig sein soll.
  • Eine Interpretation der Daten ist erforderlich. Es gibt keine Standardübersetzung.
  • Es gibt keine Vorherbestimmung. Alle Aussagen sind Wahrscheinlichkeitsaussagen.
  • Und, bisher in diesem Artikel noch nicht so in den Vordergrund gestellt: für beide Methoden finden sich Glaubensanhänger, die von der jeweiligen Allmacht ihrer Methode überzeugt sind.
Ich möchte noch einmal Marcus Pembrey zitieren, der von einem Reporter gefragt wurde, ob sich der ganze Aufwand der Gen-Forschung denn überhaupt lohne, wenn man am Ende doch nicht wisse, ob der einzelne Mensch nun eine bestimmte Krankheit bekommt oder nicht. Seine Antwort:
"Ich glaube, es geht um etwas anderes. Man kann schon etwas lernen über Gesundheit und Krankheiten. ... Vergessen Sie nicht: genetische Daten an sich sind noch keine sinnvolle Information. Es ist ja nicht so, dass der Arzt das Ergbut sequenzieren lässt und Ihnen dann die richtigen Pillen verschreibt. Die Sequenz verrät nur: Sie haben ein erhöhtes Risiko zum Beispiel für Diabetes. Da müssen Sie trotzdem noch einen Blutzucker-Test machen."

Genetik als Orientierung

In diesem Sinne ist die Gen-Biologie also eine Orientierung. Sie kann dem Einzelnen helfen, auf bestimmte Dinge rechtzeitig zu achten und seine Selbstverantwortung zu stärken. Nichts anderes macht die Astrologie seit mehreren Tausend Jahren. Auch Astrologie, sofern sie nicht als Jahrmarktsastrologie missbraucht wurde, dient dazu, mehr innere Orientierung zu geben. Wenn ich weiß, wie meine Psyche "tickt", kann ich mit mir selbst besser umgehen. Beide Systeme, Genetik und Astrologie, verfolgen ein gleiches Ziel: dem Menschen Leitlinien für ein gesünderes Leben an die Hand zu geben.

Nun kann man sich ausmalen: wenn es eine andere Gesellschaft gäbe, in der Astrologie ehrenwertes Lehrfach an den Universitäten wäre, von Politik und Wirtschaft gefördert, Genetik hingegen als "Spiekenkökerei" verunglimpft wäre - wie würden Medien und Meinungsmacher, Menschen auf der Straße und Wissenschaftler dann wohl über diese beiden Systeme sprechen....?

Quellennachweise:
Alle Zitate aus dem Feature
"Gute Gene schlechte Gene" von Michael Lange und Martin Winkelheide, gesendet bei WDR5 am 3.2.2008

   


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