Die Astrologie im Vaterunser

Die Astrologie im Vaterunser, 11.07.2002

Dass die Weisheitslehren "nur" verschiedene Wege zum gleichen Kern sind, ist inzwischen weitgehend bekannt (außer vielleicht bei Fundamentalisten, die derzeit, wo Pluto in Schütze steht, eine besondere Machtlust verspüren). Insofern ist es nicht überraschend, dass wir auch in der christlichen Symbolik astrologische Bezüge wiederfinden. Unter anderem auch im Vaterunser, dem zentralen Gebet des Christentums. Das Vaterunser wird dabei bisweilen als Ableitung des Tierkreises verstanden. Wenn man den aramäischen Text, der näher am Original liegt, hinzuzieht, wird jedoch deutlich, dass hier die Planetenreihe unseres Sonnensystems aufgezeigt wird.

In der Geschichte der Astrologie und Astronomie unterlag die Frage, wieviele Planeten es gebe, nicht wirklich einer Schwankung und Diskussion. Erweiterungen waren möglich (wenngleich für den Einzelnen manchmal schwierig), eine Verkleinerung der Anzahl hingegen nicht. Hypothesen über weitere Planeten gab es zu allen Zeiten - auch heute. Das Vaterunser listet auch die Planeten auf, die uns heute bekannt sind. Obwohl vor 2000 Jahren Uranus, Neptun und Pluto noch nicht entdeckt waren, kann man Informationen über sie in dem Gebet wiederfinden (mehr dazu weiter unten). Auch daher bevorzuge ich eine Interpretation des Vaterunsers in diese Richtung.

Die Anzahl der Tierkreisbilder schwankte historisch zwischen 8 und 15. Dass die Menschen sich auf 12 geeinigt haben, erscheint uns folgerichtig und logisch. Solange wir damit gut und seriös arbeiten können, ist das ja auch in Ordnung. Wir sollten jedoch nicht den Fehler der "anerkannten Schulwissenschaften" und weltlichen Universitätsgelehrten machen und meinen, die Astrologenzunft von heute sei die Krönung der Schöpfung und so gute Kenntnisse über Sternen- und Menschheitskunde habe es in der Vergangenheit noch nie gegeben. Solch eine Haltung könnte sich irgendwann als Hypris herausstellen.
Genau genommen ist der Tierkreis ein Konstrukt. Ihn gibt es gar nicht. Wir stellen ihn uns bloß vor. Dabei lassen wir auch kleine Ungenauigkeiten zu, auch wenn sie ansonsten nicht ganz ins Konzept passen: eigentlich beschreibt der Tierkreis ein Band von ca. 16° Breite am Himmel, in dem sich die Planeten unseres Sonnensystems um die Sonne bewegen. Aber diese Definition ist bereits falsch, denn Pluto, dieser gemeine Hund, läuft nicht innerhalb dieser Breite. Unbestreitbar jedoch wandert er langsam und kontinuierlich um die Sonne herum, wie es auch Merkur, Venus oder die Erde tun und niemand würde ernsthaft behaupten, er sei nicht Planet des Sonnensystems oder er sein nicht wichtiges Symbol im Horoskop.
(Anmerkung: dieser Text stammt aus dem Jahre 2002, als Pluto noch als Planet galt).

Immer wieder wird die Vermutung geäußert, dass bereits lange vor unserer Zeitrechnung Erkenntnisse vorlagen, die verlorengingen (verdrängt wurden?) und schließlich erst in der wissenschaftlichen Neuzeit quasi wiederentdeckt werden. Dazu gehört das heliozentrische Weltbild, also die Tatsache, dass nicht die Erde, sondern die Sonne den Mittelpunkt unseres Sonnensystems bildet. Das Vaterunser, wie Sie gleich lesen können, beinhaltet dieses Wissen bereits. Wir können davon ausgehen, dass zumindest Eingeweihte von jeher wußten, in welcher Reihenfolge die Planeten um die Sonne kreisen.
Was den Gebetstext selbst angeht, kennen wir heute eine Version, die wahrscheinlich mit dem Original nicht mehr deckungsgleich ist. Über den langen Zeitraum und über die verschiedenen Übersetzungen und Neuinterpretationen sind Verschiebungen eingetreten. Wir können jedoch davon ausgehen, dass auch im heute verwendeten, deutschen Text die Grundrichtung identisch ist mit dem, was Jesus als Vaterunser gelehrt hat, auch wenn Details in den einzelnen Abschnitten andere Schwerpunkte betonen. Des besseren Verständnisses wegen habe ich nachfolgend in Klammern stets die Textversion angegeben, wie man sie im 19. Kapitel des Evangeliums des vollkommenen Lebens nachlesen kann.

Hier nun die Zuordnungen:

Vater unser, der du bist im Himmel (Unser Vater-Mutter, das Du über uns bist und in uns) = Sonne.
Auch die psychologische Astrologie der Neuzeit tut nichts anderes: sie übersetzt Sonne als Horoskopsymbol für Vater. Wir mögen den leiblichen Vater meinen, wissen jedoch, dass auch diese Figur wiederum Symbol ist. Symbol für den Lebensmittelpunkt, für das Ziel, auf das hin wie uns entwickeln sollen. Von ihm (Gottvater), so sagt die christliche Lehre, erhalten wir Geist, Licht, Wärme und Liebe. Nach ihm sollen wir uns richten, so wie wir uns nach dem Stand der Sonne richten, um unseren Alltag zu meistern. Ohne den Stern Sonne gäbe es kein Leben auf Erden, ohne das Symbol Sonne, also ohne Gott, kein geistiges Leben auf Erden. Das meint die Zeile: "das Du über uns bist und in uns".

geheiligt werde dein Name (geheiligt sei Dein Name in zweifacher Dreieinigkeit) = Merkur.
Eher im buddhistischen Kontext werden die Zusammenhänge von Leben, Geist und Gedanken betont. Der Name, das geschriebene oder gesprochene Wort, die Begrifflichkeit, das Denken und Nachdenken, die Gedanken, die uns oft so sehr beherrschen und uns "erklären", wie die Welt scheinbar ist, wer wir selbst scheinbar sind, steht in engem Zusammenhang mit dem Ziel unseres Seins, das durch das Sonnensymbol angezeigt ist. Daher finden wir von unserer Position aus auch stets Sonne und Merkur in enger Verbindung am Himmel. Mehr als 28° liegen nie zwischen den zwei Himmelskörpern, so dass Johannes Kepler Merkur gar als "Mond der Sonne" bezeichnete. Die Sonne benötigt keinen Mond. Wir Menschen benötigen aber einen (vielleicht auch mehrere) Vermittler, der uns das Wesen der Sonne näherbringt. Diese Vermittlungstätigkeit über Begriffe führt jedoch zu einem Paradox: in dem Moment, wo Erläuterungen und Bezeichnungen angeführt werden, entsteht eine Trennung, ein Dualismus zwischen Wort und Sein. Die Dreieinigkeit von Körper, Seele, Geist finden wir übrigens in der Dreiteilung des Merkursymbols wiederfinden: liegender Halbkreis, Kreis und Kreuz.

dein Reich komme (Dein Reich komme zu uns in Weisheit, Liebe und Eintracht) = Venus.
Erst durch die Ergänzung wird der Venusbezug augenfällig. Weisheit ist nicht die Weisheit des Intellekts, sondern eine umfassende Weisheit, die sich letztlich von Liebe nicht mehr unterscheidet. Der Buddhismus nennt als die drei Grundübel, die es zu überwinden gilt: Gier, Haß und Verblendung. Gier trennt uns von allem, was Nicht-Ich ist. Wir meinen, zu wenig von etwas zu haben oder sehen uns benachteiligt, weil andere mehr von etwas haben. Wir geizen und schaffen klare Grenzen zwischen unserer eigenen Person und den anderen Wesen. Somit wird Eintracht vermieden. Dieser Zug macht das Lieben schwer - wir neigen zum Hassen. Und Verblendung schließlich meint, sich der Weisheit nicht zu öffnen, den Blick geschlossen zu halten und die Zusammenhänge des Seins nicht anzuschauen. Das Venussymbol (also die sogenannte "niedere" Oktave des Neptuns) verspricht die Überwindung dieser Grundübel: in Gottes Reich gibt es anstelle von Gier , Haß und Verblendung Eintracht, Liebe und Weisheit. Oder anders ausgedrückt: Eintracht, Liebe und Weisheit führen direkt in Gottes Reich (andere Kulturkreise mögen es anders nennen, z.B. Nirwana).

dein Wille geschehe = Mars.
In exoterischer Sicht zeigt Mars im Horoskop an, wo wir uns selbst durchsetzen und behaupten. Die Tiefgründigkeit astrologischer Symbolik erlaubt uns darüber hinaus die Erkenntnis, dass wir auch "durchgesetzt werden". Ebensowenig wie wir den Lauf der Gestirne beeinflussen können (um zum Beispiel einem "harten Pluto-Transit" zu entgehen), sind wir zahlreichen Zwängen und Bedingungen ausgesetzt. Menschen unserer egozentrierten Zeit- und Kulturepoche mögen dies nicht gerne hören.

wie im Himmel so auf Erden = Erde.
Die Generalaussage der Astrologie; hier finden wir sie wieder: wie oben - so unten. Das Vaterunser winkt geradezu mit einem Zaunpfahl, um deutlich zu machen, dass wir uns in einem kosmischen Gesamtsystem befinden und selbst der für uns so riesig erscheinende Globus nicht ohne Bezüge zum unfaßbaren Raum des Universums besteht. Alles ist miteinander verbunden.
Warum finden wir die Erde dann als Symbol im Horoskop nicht wieder? Sie ist enthalten - auch wenn es kein eigenes Zeichen dafür gibt. Zum einen stellt eine Horoskopzeichnung an sich einen Bezug zur Erde her - denn schließlich gibt die Zeichnung die Planetenstellung wieder, wie wir sie hier von der Erde aus betrachten können. Aber selbst innerhalb der Zeichnung ist die Erde Bestandteil. Die Sonne, die aus geozentrischer Sicht ihre Kreise um die Erde zieht, spiegelt die Kreisbahn der Erde um die Sonne wieder. Konkret heißt das, dass Sonne und Erde sich sozusagen in einer permanenten Opposition befinden. Wollte man die Erde im Horoskopbild darstellen (was mir nicht richtig, nicht astro-logisch erscheint), so müßte man sie im Tierkreis gegenüber der Sonne einzeichnen. Da man jedoch dann einen Faktor hinzugefügt hätte, der der Grundannahme des Horoskopbildes widerspricht, hätte man damit jedoch mehr Verwirrung und Unwahrheit als Klarheit und Wahrheit geschaffen.

Unser tägliches Brot gib uns heute (Gib uns täglich dein Heiliges Brot und die Frucht des lebendigen Weinstockes) = Jupiter.
Wir übersetzen in der Astrologie Jupiter gerne mit Fülle. Dies finden wir im Vaterunser wieder. Es wäre jedoch kein spiritueller Text, wenn er sich lediglich auf den vollen Bauch bezöge. Fülle bedeutet daher auch geistige Fülle, was uns nicht fremd vorkommt, wenn wir uns an andere Jupiter-Übersetzungen erinnern: Sinn, Weisheit, Philosophie, Religion, Einsicht, Geist usw. Man muß nicht christliche Theologie studiert haben, um zu wissen, dass Brot und Wein selbst Symbole sind, die einen Bezug zum Lichtbringer, zum Göttlichen herstellen. Die Bitte bezieht sich also nicht nur auf bißfeste, physische Nahrung, sondern auch auf geistige. Man könnte es mit einem anderen Jupiter-Wort auch so formulieren: bitte sei unser Förderer.

und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern (Und wie Du uns vergibst unsere Schulden, so mögen auch wir vergeben allen, die gegen uns schuldig werden. Gieße Deine Güte aus auf uns, damit auch wir desgleichen tun) = Saturn.
In der mythologischen Geschichte von Saturn / Kronos wird berichtet, wie der junge Gott schuldig geworden ist. Er hat (im Auftrag seiner Mutter Gaia) seinen Vater Uranus kastriert und entmachtet. Diese Tat war eine blutige und die Rachegöttinen entwuchsen aus den Blutstropfen des verletzten Uranus. Saturn ist schuldig geworden, weil er Verantwortung übernommen hat. Auch wir Menschen werden schuldig, wenn wir Verantwortung übernehmen - gleichsam bleibt uns nichts anderes übrig. Der Schuld können wir gar nicht ausweichen. Je nach Sichtweise sind wir bereits durch das Herausfallen aus dem Göttlichen (und dem Hereinfallen in das Irdische) schuldig geworden. Saturn hilft uns, daran ernst und konzentriert zu arbeiten und eben Verantwortung zu übernehmen für alle unsere Taten. Wenn uns das gelingt, können wir streng, aber gerecht sein und auch anderen Schuldigern vergeben.

und führe uns nicht in Versuchung sondern erlöse uns von dem Bösen (In der Stunde der Versuchung erlöse uns vom Übel) = Uranus.
Die Versuchung liegt immer in der Zukunft. Es ist ein Versprechen, dass es morgen besser, schöner, freier wird als heute. Es ist ein uranisches Versprechen einer besseren Welt, eine Vision, die uns vom Bösen zu befreien verspricht. Über diesen Satz im Vaterunser ist vielfach nachgedacht worden und manch einer wunderte sich, warum Gott überhaupt den Menschen in Versuchung führen sollte. Eine Prüfung? Eine andere Übersetzung kommt der Idee dahinter wesentlich näher: "und führe uns in der Versuchung", heißt es dort. Dann, wenn wir von tausend verlockenden Geistesblitzen getroffen werden, benötigen wir jemanden, der den Überblick behält und uns auf dem rechten Weg zu führen vermag. Jeder, der einen Uranustransit über einen persönlichen Planeten erlebt hat, weiß, wovon ich spreche. Wie gut hätte es getan, wenn man in dem ganzen Chaos den richtigen Weg erkannt hätte.

Denn Dein ist das Reich = Neptun.
Das Reich Gottes ist keines, das man in Hektar vermessen kann. Es ist vielmehr das Reich der All-Liebe und schließt die Welten hinter der Welt, das seelische Sein, das, was wir nicht zu erfassen in der Lage sind, mit ein. Es ist das Reich, in dem es keine Trennung mehr gibt, sondern wo alles Leben eingebettet ist in ein großes Ganzes. Es ist das Reich, dem wir uns hingeben (müssen), wo es nichts mehr zu tun gibt. In der Astrologie symbolisiert Neptun all diese Gedanken.

die Kraft = Pluto.
Bisher kennen wir kein anderes Planetensymbol, das solch eine Kraft und Power repräsentiert, wie das Plutos. Pluto kommt gewaltig in unser Leben und zerstört scheinbar rücksichtslos alles, was wir längst hätten abgeben sollen. Mit Pluto tun wir uns schwer, weil wir so schlecht loslassen können - und genau das fordert er mit aller Kraft. Andererseits: wenn wir uns in die Höhle des Löwen wagen, loslassen, uns den Tabuthemen und Schattenseiten unserer Persönlichkeit stellen, verleiht uns Pluto auch alle Kraft. Dann werden wir selbst mächtig.

und die Herrlichkeit = ?

in aller Ewigkeit (von Ewigkeit zu Ewigkeit. Jetzt und in alle Ewigkeit.) = ?

Amen.

Sie bemerken: an einer Zuordnung der bekannten Planten und der Art, wie sie historisch und auch heute gedeutet werden, kann nicht vorbeigesehen werden. Sie bemerken zudem, dass die Zuordnungen bei den überpersönlichen Planeten etwas schwieriger werden. Kein Wunder: in der Astrologiegeschichte sind Uranus, Neptun und Pluto noch jung wie krabbelnde Babys. Uns mag es wie eine Ewigkeit vorkommen, seit 1781 Uranus von F. W. Herschel entdeckt wurde. In der Deutung ist er dennoch sehr neu und es fehlen uns nach wie vor zahlreiche Erkenntnisse über diesen Planeten. Erkenntnisse, die wir als Astrolog/innen erst aus der Erfahrung sammeln können - schließlich war und ist Astrologie eine Erfahrungswissenschaft. Wir arbeiten schließlich nicht im Labor; und wenn man es übertrieben formulieren will, ist sozusagen die gesamte Welt unser Dauerexperiment. In mehreren Hunder- oder Tausendjahren wird die astrologische Zuordnung des letzten Teils des Gebets bestimmt genau so unzweifelhaft sein, wie für uns heute der erste Teil. Dazu kommt, dass noch nicht alle Textzeilen Planeten zugeordnet werden können. Es scheint, als fehlten noch Planeten. Dies deckt sich mit der Theorie einiger Astrolog/innen, dass es insgesamt zwölf Planeten geben muß. Zehn kennen wir bereits. Zwei fehlen noch. Auch das "astrologische Alphabet" weist in diese Richtung: jeweils ein Planet, ein Tierkreisabschnitt und ein Haus weisen gleiche Grundqualitäten auf (z.B. Mars - Widder - Haus eins). Bisher teilen sich jedoch Merkur und Venus je zwei Tierkreiszeichen und Häuser. Ob es in unserem Sonnensystem noch zwei Planeten zu entdecken gibt?

Dies sind keine fertigen und abgeschlossenen Wahrheiten. Dies sind Gedanken, die zum Selbstnachdenken, Meditieren, Forschen, Ahnen etc. einladen sollen. Insofern freue ich mich über jede Rückmeldung.



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