Antwort an einen Astrologie-Kritiker

Antwort an einen Astrologie-Kritiker, 30.11.2003

Vor einiger Zeit erhielt ich eine Mail, in der mir ein Besucher meiner Webseite folgendes mitteilte:

Sehr interessante Seite! Es gibt hier schon einige interessante Lebenstips zu lesen. Ich frag mich immer nur warum das Uralte Weltbild der Astrologie hierfür herhalten muß? Dieses stammt schließlich aus einer Zeit in der nur sehr primitive Vorstellungen über das Wesen der Himmelskörper und des Universums existierte. Die Erde wird als Mittelpunkt des Geschehens gesehen und somit kreisen alle Himmelskörper um diese. Wie soll also ein längst widerlegtes Weltbild zu wahrhaftigen Erkenntnissen führen? Dieses mag zur Zeit seiner Entwicklung, zu der alle unerklärlichen Phänomene mit überirdischen Kräften erklärt wurden durchaus beeindruckt haben. In Zeiten moderner Astronomie sollte allerdings klar sein, dass alle postulierten Zusammenhänge zwischen Sternkonstelationen und den Geschicken des Menschen reine Illusion sind und somit nur der Abschiebung von Verantwortung für ein selbstbestimmtes Leben dienen können. Die Astrologie ist nämlich nicht lebendig, sonst hätte sie sich mittlerweile selbst überwunden. Schönen Gruß an alle Gläubigen...

Mal abgesehen davon, dass ich die Schlußfolgerung, wonach sich die Astrologie überwunden hätte, wenn sie lebendig wäre, nicht nachvollziehen kann: Sollten sich hier Gläubige aufhalten, so gebe ich den Gruß gerne weiter. Ansonsten ist das Glauben zwar eine menschliche Fähigkeit, für Astrologie jedoch nicht zwangsläufig eine notwendige Voraussetzung.

Leider bleibt mir nichts anderes übrig als zusammenzufassen: Der Absender schreibt kompletten Unsinn.

Warum?

Er behauptet: Die Erde wird als Mittelpunkt des Geschehens gesehen und somit kreisen alle Himmelskörper um diese.

Die Unterstellung, die Astrologen hätten die kopernikanische Revolution verschlafen, ist schlichtweg schwachsinnig. Der Absender der Mail übersieht vielmehr, dass die Erkenntnistheorie seine eigene Engstirnigkeit schon längst überwunden hat. Kein Astrologe geht davon aus, dass Sonne, Mond und die Planeten unseres Sonnensystems um die Erde kreisen. Sie nutzen hingegen ein fest definiertes Bezugssystem. Das Bezugssystem ist der Mensch auf dieser Erde.

Im Weltall steht nichts still. Auch dass die Sonne einen festen Platz habe, ist inzwischen widerlegt. Von einem anderen Sonnensystem betrachtet würde schnell auffallen, dass die Sonne nicht still im All steht. In einem System von lauter sich bewegenden Objekten benötigt man eine Bezugsgröße, wenn man klare Angaben machen möchte. Da wir uns auf der Erde befinden, ist es naheliegend, die Erde als Bezugsgröße heranzuziehen. Das ist kein Geheimwissen – selbst die NASA verfährt nach diesem Prinzip (Raumforscher und Astrologen arbeiten z.B. mit den selben Materialien – mit den gleichen Ephemeriden). Und das macht ja auch Sinn. Denn wenn ich eine Rakete von hier auf den Mars schießen will, dann muß ich wissen, in welchem Verhältnis Erde und Mars zueinander stehen.

Dass wir eine Bezugsgröße benötigen ist übrigens von einem Physiker benannt worden. Dem Autor der o.g. Mail empfehle ich, sich mit der Relativitätstheorie zu beschäftigen. Die Astrologie berücksichtigt die Erkenntnisse der Relativitätstheorie. Um es auf einen wesentlichen Kernsatz zu begrenzen: Albert Einstein machte darauf aufmerksam, dass die Ergebnisse einer Untersuchung vom Standpunkt des Untersuchenden abhängen. Wer seinen Standpunkt nicht klar benennt, der kann keine wissenschaftlich eindeutigen Antworten erwarten. Noch drastischer ausgedrückt: ohne Angabe eines Standpunktes gibt es keine Wahrheit (in der Physik)!

Insofern ist Astrologie, auch wenn es den Herren und Damen der ach so würdigen Universitäten nicht schmeckt, durchaus streng wissenschaftlich. Im Unterschied zu manch anderer Disziplin benennt sie ganz klar den Standpunkt, von dem aus sie operiert. Unsere Vorgehensweise wird nicht schlechter dadurch, dass man die Erde als Standpunkt benennt. Natürlich könnte man auch eine heliozentrische, also auf die Sonne bezogene Astrologie konstruieren – aber warum sollte man dies tun? Wir Menschen leben eben nicht auf der Sonne.

Der Absender schreibt weiter: Wie soll also ein längst widerlegtes Weltbild zu wahrhaftigen Erkenntnissen führen?

Leider bleibt mir kaum etwas anderes übrig, als aufzustöhnen. Wer kommt denn auf die Idee, dass ein Weltbild zu Erkenntnissen führe? Genau genommen ist exakt das Gegenteil der Fall: Erkenntnisse ergeben in ihrer Gesamtheit ein bestimmtes Welt- und / oder Menschenbild. Wahrscheinlich hat sich der Absender hier selbst verraten (Freud läßt grüßen): sein vorgefertigtes, festgelegtes Weltbild läßt eben nur ganz bestimmte "Erkenntnisse" zu. Bei ihm existiert wohl erst ein Weltbild und alle "Erkenntnisse" müssen sich diesem Weltbild unterordnen. Und da in seinem Weltbild Astrologie keinen Platz hat, kann er dieses Erkenntnisinstrument auch nicht für die Erweiterung seines Horizontes nutzen.
Mit Schmunzeln gestehe ich, dass mich dies ein bisschen an die "Wissenschaft" unter der Herrschaft der christlichen Kirche erinnert, bei der auch nicht sein durfte, was theologisch nicht paßte.

Auf eine mögliche Arroganz des Autors, der das, was ihm nicht sinnfällig erscheint als "primitive Vorstellungen" abtut, möchte ich hier nicht weiter eingehen.

Weiter im Text: Dieses mag zur Zeit seiner Entwicklung, zu der alle unerklärlichen Phänomene mit überirdischen Kräften erklärt wurden durchaus beeindruckt haben.

Nun frage ich mich wirklich, wann diese Zeit gewesen sein soll, in der alle (sic!) unerklärlichen Phänomene dem angeblichen Sterneneinfluß zugeschrieben wurde. Ich weiß zwar nicht, welcher beruflichen Tätigkeit der Absender nachgeht, aber mit Geschichte kennt er sich offensichtlich nicht aus.
Mal ganz abgesehen davon, dass auch Logik nicht seine Stärke ist: denn er schreibt, dass unerklärliche Phänomene erklärt wurden, wodurch sie ja keine unerklärlichen Phänomene mehr sein können.

Desweiteren geht es nicht darum, jemanden zu beeindrucken. Das tun bereits die herkömmlichen Wissenschaftler/innen mit ihren Professoren- und sonstigen Titeln, mit ihrem Fachchinesisch und einem weihevollen Auftreten. Die Astrologie kann auf dergleichen gut und gerne verzichten.

Auch über den nächsten Satz gäbe es viel zu schreiben: In Zeiten moderner Astronomie sollte allerdings klar sein, dass alle postulierten Zusammenhänge zwischen Sternkonstelationen und den Geschicken des Menschen reine Illusion sind...

Lassen wir mal außen vor, was eigentlich "Illusionen" sind und konzentrieren wir uns auf die Kernaussage dieses Satzes: es gäbe einen Zusammenhang zwischen Sternenkonstellationen und den Geschicken des Menschen. Auch hier nur zur Erläuterung: die Astrologie arbeitet mit den Planeten plus Sonne und Mond, nicht mit den Sternen. Dies nur nebenbei.

Offensichtlich kennt der Autor "alle (sic!) postulierten Zusammenhänge", was mich fast geneigt macht, den Hut zu ziehen, würden mich nicht Zweifel an dieser Aussage durchdringen. Das astrologische Postulat lautet nämlich nicht etwa, dass die "Sterne etwas machen" und einen Einfluß auf die Handlungen des Individuums ausüben. Das Postulat, mit dem die Astrologie arbeitet, ist das der Synchronizität. Nutzen wir den Begriff so, wie C. G. Jung ihn definierte: eine Gleichheit auf unterschiedlichen Ebenen. Zwei Geschehen treffen zeitgleich zusammen, ohne, dass sie die gleiche Ursache haben – sie sind sozusagen akausal.
Synchronizität findet permanent und überall statt.

Jung hat seine Forschungen zur Synchronizität übrigens nicht im stillen Kämmerlein vollbracht, sondern in einem permanenten Austausch mit dem Physiker Wolfgang Pauli entwickelt. Und erst die Beschäftigung mit der Synchronizität brachte einen entscheidenden Durchbruch in der Physik und somit auch in der "modernen Astronomie". Bis dahin nämlich galt ein mechanisches Universum, bei dem die Kausalität im Vordergrund stand. Leider haben die meisten Hobbyastronomen und Vulgärnaturwissenschaftler diesen Quantensprung in der Forschung noch nicht vollzogen und befinden sich noch immer in dem Denkmodell, dass jedes Phänomen eine isolierbare Ursache haben müsse.

Den Begriff "Quantensprung" habe ich hier nicht nur sinnbildlich verwendet – denn die Quantenphysik hat erheblich zur Erweiterung des Denkens geführt. Man sah sich in dieser Disziplin nämlich mit der Tatsache konfrontiert, dass der Beobachter eines physikalischen Experimentes die Ergebnisse ohne sein Zutun beeinflußt. Trotz exzellenter Laborbedingungen ließen sich einzelne Kausalitäten für bestimmte Effekte nicht isolieren. Die Kausalität wurde ad absurdum geführt.

Weiter in dieser Richtung geforscht hat der Quantenmechaniker David Bohm, der den Begriff der "Impliziten Ordnung" geprägt hat. Es handelt sich dabei um eine akausale Ordnung, die zwischen Systemen herrscht. Wenn Sie mögen, Herr X, bilden Sie sich dort weiter fort.

Eine Nebenbemerkung zum Stichwort "moderne Astronomie" sei noch erlaubt: Das Moderne wird gerne als die Krönung des Wissens angesehen – und kann dabei doch der größte Blödsinn sein. Wir halten uns klüger als alle Generationen, als alle Kulturen je zuvor gewesen sind. Welch eine Anmaßung!

Zurück zum Thema.
Wir können die Frage der Kausalität oder Synchronizität auch auf zwei ziemlich alte philosophische Grundideen reduzieren. Demnach gehört der Autor der Mail zu der Anhängerschaft Demokrits, der die Welt als ein riesiges Puzzle verstand. Die einzelnen Puzzleteile müsse man nur erforschen und man wisse, was Welt und Mensch sei. Die Suche nach der kleinsten, unteilbaren Einheit (Atom) begann.
Kurz vor Demokrit lebte der griechische Philosoph Heraklit, der eine andere Auffassung vertrat: die Welt sei das Produkt einer permanenten Wandlung. Vielleicht kennen Sie seinen Ausspruch, dass niemand zwei mal in den selben Fluß steigen kann. Die sogenannte moderne Wissenschaft, gerade auch die Physik, ist längst wieder bei Heraklit angekommen. Die Astrologie hat diesen Blickwinkel nie verlassen.

Noch sind wir nicht ganz mit dem Schreiben durch. Es geht weiter: ... und somit nur der Abschiebung von Verantwortung für ein selbstbestimmtes Leben dienen können.

Ei das wäre schön – das würde so richtig in das Bild des Absenders passen. Geknechtete, frustrierte, autoritätshörige Personen, denen es an Selbstbewußtsein mangelt und die es nicht wagen, eigenverantwortlich zu leben, scharen sich um den Astrologen, der sagt, wo es lang geht. Nur leider, lieber Herr X, ist dem nicht so.

Auch hier trifft das Gegenteil zu: Astrologie dient als Mittel zur Selbsterkenntnis. Man muß es nicht benutzen. Es existieren andere, nicht minder gute Methoden, sich selbst, seine Handlungen und die Welt um sich herum besser zu verstehen und autarker mit seinen Talenten umzugehen. Die Astrologie bietet einen Weg dazu an.
Es geht nicht darum, Verantwortung abzugeben, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen. Für sich, für sein Tun, für seine Umwelt. Das schließt die Kenntnis von Schattenthemen, wunden Punkten und unangenehmen Persönlichkeitsanteilen mit ein. Man reift durch Erkenntnis. Wer sich mittels seines Geburtshoroskopes mit sich selbst beschäftigt, ist den eigenen Verblendungen nicht mehr so stark ausgesetzt. Wer weiß, was er kann, braucht keine Führer, die ihm sagen, was er zu tun hat. Wer sich seiner Stärken und Schwächen bewußt ist, kann getrost den Einflüsterungen von Eltern, Ratgebern, Kolleg/innen, Fachleuten, (Schein-)Autoritäten, Behörden, Medien etc. seine Eigenständigkeit entgegensetzen. Er kann sich eigene Meinungen bilden und gegebenenfalls sogar erkennen, dass es lohnenswert ist, sich von falschen Vorstellungen und Pseudowissen, mit dem manche Astrologie-Kritiker um sich werfen, zu befreien. Menschen, die sich mit Astrologie beschäftigen, fangen nämlich an, selbst zu denken. Sie beten ihr Schulwissen nicht einfach nach.

Wer Astrologie betreibt erhält so etwas wie eine Landkarte seiner Persönlichkeit. Alle anderen tappen womöglich im Dunkeln. Wer da eher Verantwortung übernimmt, scheint mir eindeutig.

Insofern ist übrigens die Astrologie weitaus mehr als eine Ansammlung von Lebenstipps. Da Astrologie die Individualität eines Menschen berücksichtigt und auf ansonsten in der Branche der "Power- und Erfolgstrainier" üblichen Standardformeln und Typologisierungen verzichtet, bekommt man eben nicht eine Mappe mit den "100 besten Methoden einen Partner zu finden", sondern kann aus einer Vielzahl hochindividueller Wege und Möglichkeiten selbst aussuchen – und natürlich selbst entscheiden. Kann oder muß? Denn manch einer lebt lieber weiter im Dunkeln und überläßt die Partnerwahl dem "Zufall", seinen Eltern, dem aktuellen Modetrend oder sonstigen Kriterien.
Wer Astrologie betreibt, ist (um Sartre zu zitieren) "zur Freiheit verurteilt". Insofern ist Astrologie auch nicht für Menschen geeignet, die diese Freiheit fürchten.

Ich höre schon Ihren Widerspruch, Herr X: ja, Astrologie verzichtet auf Typologisierungen. Wenn Sie meinen, Astrologie sei die Einteilung der Menschen in 12 Gruppen gemäß den 12 Tierkreiszeichen, dann müssen wir mit den Erläuterungen, was Astrologie eigentlich ist, wirklich ganz weit vorne anfangen. Lesen Sie doch zur Einstimmung die Definition eines Horoskops – einfach tl_files/bilder_inhalte/pfeil.gif hier klicken.

Was mich am meisten an solchen Schreiben von Astrologie-Kritikern ärgert, ist die darin zum Ausdruck gebrachte Haltung. Eine Haltung der Arroganz. Von der Materie, über die sie sich äußern, haben sie keine Ahnung - aber trotzdem dazu eine Meinung. Eine ungute, womöglich sogar gefährliche, mit Sicherheit keine wissenschaftliche Herangehensweise. Seltsam – wo sich die Damen und Herren doch ansonsten so sehr auf die Vernunft berufen.

Für die Zukunft, Herr X: erst informieren, dann kritisieren.



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